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politic notes

Mr.X und seine Peiniger

Bekanntlich war der Angriff des Don Quixote de la Mancha auf die widerspenstigen Windmühlen vergeblich- er versuchte es trotzdem. Könnte man ihm, dem tollpatschigen Antihelden, Ritter in eigener Mission, noch symphatische Naivität unterstellen, bleibt einem bei der schaurigen Abgeklärtheit der Windmühlen die Spucke weg- bei ihnen kommt noch jeder unter die Räder.
Wie die fiktiven Welten eines literarischen Textes nie ganz für sich sind, sondern je die Übertragung eigener Erlebnisse und Erfahrungen eines Autor, so auch die Windmühlen nicht sinnfreies Objekt für den Verwirrten- sind nun auch sie notwendige Empfänger für Hohn, Spott und...Kritik?
Neben Cervantes Don Quixote de la Mancha steht auch die „Comedia“ für die Merkmale des „siglo de oro“, Das Goldene Zeitalter der spanischen Literatur- Kaum treffender ähnelt die Form der Comedia den Ereignissen, die sich auf und nach der Kursfahrt der zwölften Klasse des Luckenwalder Gymnasiums im Jahr 2007 zugetragen haben.
„Comedia“(=Schauspiel):
Komisches wird mit Tragischem vermischt, die Anzahl der Akte wird auf 3 festgelegt, Einheit von Ort und Zeit werden nicht gefordert, die Stoffe sind volkstümlich.

Das die spanische Klassik ausgerechnet auf einer deutschen Kursfahrt ihre späten Trümpfe bringt, hat Gründe:
Da bot sich als Kulisse der Comedia „Mr.X und seine Peiniger“ Barcelona als spanische Perle geradezu an- die Einheit von Ort und Zeit brach hingegen der erste Tag nach einer fröhlich blauen Woche:
Da rumorte es nämlich gewaltig- zwischen Tischnachbarn, Bänken, Stühlen, Lehrern- und einer saß dazwischen, für den die falsche Komödie zur kränkenden Tragödie wurde- Lachen aber, und das ist ihre Umkehrung, müsste man gerade über die Windmühlen und ihre Müller, denen es ständig nach neuen Körnen für die Befriedigung ihrer Sensationsgier lechzt. Ob nun auch der Kritiker gemahlen wird, ob seine Lanze zerbricht unter den Mühlsteinen, das ist es, was diese Zeilen wissen möchten.
Mögen also auch die Leser ihr Käppchen zur Debatte aufsetzen, der es im Endeffekt darum geht:
Die Zurschaustellung eines Opfers, das, umstellt von einer Horde gackernder Hühner, noch dem Letzten an Würde beraubt wird- der Selbstentscheidung, was von seinen Peinlichkeiten in den Tratschstall der Verdummten dieser Erde gestellt wird.
Die Kritik richtet sich also weniger an den, der die sonst einigermaßen gut versteckten sexuellen Vorstellungen im Suff Preis gab- sondern an diejenigen, die ihn unter Ausnutzung seiner Situation(die des Alkohol bedingten Rede Drangs) ausfragten, - bis in das intimste Detail hinein-, das „Gesagte“ filmten, und Mr.X damit einem Mob auslieferten, dessen unheilvolle Spitze sie waren, der sich an seinem sprachlichen Missgeschick aufzog und keinerlei Rücksicht nahm auf seine Gefühle, auf sein Befinden- ihn also komplett entmenschlichte.
Das ist der Skandal, aber Akt für Akt.

Der Auslöser der „Comedia“ war eine Video- bzw. Tonbandaufnahme, die nach der Kursfahrt in das
World Wide Web wurde- 150! Aufrufe bereits nach wenigen Tagen- in der der Gegenstand des Interesses war:

Ein Schüler betrinkt sich auf der Kursfahrt.; In einer ekelhaften Kumpelart a la „Wir sind doch hier unter uns“ wird seine Unerfahrenheit im „Normal“verhalten Brandenburger Schüler ausgenutzt- Saufen, Ärgern, an Nichts aber auch gar Nichts Schuld sein.
Während der „Interviewer“ unter ständigem Nachfragen das Erzählen sexueller Phantasien seitens Mr.X provoziert, der in einer, gewiss, Naivität, in jedes Fettnäpfchen tritt, dass man ihm vorbereitet, kommentiert im Hintergrund eine Stimme das zu erwartende Gedachte der späteren Zuschauer: „Oskarreif“!
Dabei steht das „Gesagte“ nicht in einseitigem Verhältnis zum Erzähler, sondern Art und Weise, wie und warum sich das „Gesagte“ `verselbstständigt´ hat, lassen Rückschlüsse auf die zu, die sich darüber in scheinheiliger Art mokieren.

Grob ließe sich das „Gesagte“ derart zusammenfassen:
Die Darstellung triebhafter Phantasien in Sprachform. Bezug zu realen Personen(weiblich), Einteilung der Personen nach dem gängigen Schönheitsideal in „schön“ oder weniger „schön“, sowie deren Charakter.
Phantasien also, die in je unterschiedlicher Form ein jeder von uns hat. Sind sie auch gesellschaftlich zugerichtet, ist also gerade der Begriff von Charakter und Schönheit Klischee, so ist das eigentliche an ihnen nicht tilgbar: Die Sexualität.
Denn die ihnen zu Grunde liegenden Triebe sind eben auch das was einen Menschen zum Menschen macht:
Gefühl(und Verstand), auch eine Form der Projektion- zur Anregung, Lustgewinn und.....ja, auch der Fortpflanzung.
Der Vorwurf an Mr.X wäre also nicht, das er solche Gedanken hat, sondern allenfalls seine plumpe, direkte Darstellungsweise im Rausch, die im begrenzten Rahmen in der Öffentlichkeit statt findet.

Warum aber spätpubertierende Vorstellungen auf solch fruchtbaren Boden fallen, sich zum kurzzeitigen Bindemittel eines dauergelangweilten Schülerkollektives entwickeln, und so wieder doppelt negativ gegen den Urheber werden- das ist an den Windmühlen abzuarbeiten.
Welcher verdeckte Grund mochte hinter Entscheidung gestanden haben, die Peinlichkeiten zu filmen- Das klammheimliche Bewusstsein, noch selbst mit 18 Jungfrau zu sein? Schlechter Sex und das Unvermögen es einzugestehen der Antrieb, sich derart mit dem „Gesagten“ von Mr.X zu beschäftigen?
Warum haben sich die im „Gesagten“ erwähnten Personen derart einseitig über Mr.X aufgeregt, statt über diese, die es veröffentlichten?

Als hätten sie nicht insgeheim das gleiche gedacht, die sie das Handy auf record stellten.
Vernünftig allemal wäre, das „Gesagte“ auf sich beruhen lassen, ihm nicht mehr als ein Lächeln zu schenken,
oder:Was einen aufregt, zu kritisieren, vis a vis.
Das wäre angemessen- Was aber passierte, dass in ziemlich jeder Unterrichtsstunde nach der Kursfahrt über Mr.X in selbstgefälliger Art hergezogen wird, ist nicht vernünftig, denn normal, noch menschlich: Es ist einfach Scheiße! Kinderkacke!
Es verrät, wie es in Köpfen unseres Jahrgangs tickt.
In einer solchen Atmosphäre ist die Existenz der Differenz verneint, mit dem Bewusstsein, dass jegliches Fehlverhalten, jeder abnorme Fehltritt bestraft wird- so ergeht es dem, der anders ist, der, dem noch nicht das Mäntelchen asozialen Sozialität übergeworfen wurde, den Schwachen, Hässlichen, Dicken, Schwulen, Ausländern...und dem Kritiker.
Und es geht viel weiter, denn im tiefsten Inneren weiß ein Jeder- `Auch ich könnte Mr.X sein.´
Die Angst, Mr.X zu werden, das Opfer, der Looser, schlägt um in den ständigen Verweis, das ständige Zeigen auf den, der Mr.X sei, oder noch sein könnte. Fröhliche Urstände feiert die Bande! Die Folge ist eine Abstumpfung der Sinne, der Selbstentscheidung, die geprägt ist von endloser Langeweile, der Wiederholung des Immergleichen und der riesigen inneren Leere, die ohnmächtig macht, weil man auch unfähig ist sich einzugestehen: Ich bin zu einem Teil auch selbst an diesem Elend schuld, meinem eigenen wie dem der anderen.
Die Menschen werden einander immer fremder, je mehr sie zwanghaft gleich werden!!!
Vernünftig ist: Selbstkritik üben, um diese falsche Komödie zu beenden, die sich wie das schlechte Fernsehprogramm immer wiederholt und nicht endet, bevor man feststellt: Ich selbst kann sie auch beenden.
Wie auch die unsägliche, wahrhaft volkstümliche Comedia, an der nun bald die halbe Schule, Schüler wie Lehrerschaft, beteiligt ist.
Vernünftig wäre, statt über den herzuziehen, der (und das dürfte wohl auch im Video herausgekommen sein) den „Erwähnten“ das unbedingte Recht zur Selbstentscheidung der Sexualität zugestand; In einer kurzen Passage sogar eingestanden hat, dass sein Wunsch mit der Realität unvereinbar ist(Wenn ich weiblich wäre...) und die Sexualität an sich nicht verdrängt und in blinden Hass bei anderen bekämpft-
Kritik wäre an die zurichten, bei denen dich ein Sprachverfall zeigt, der die Kommunikation auf die barbarischste Unbarmherzigkeit reduziert hat, an „Kerle“ die ihre Freundinnen „Fotze nennen und behandeln, als wären sie Tier, gehörig, willig, untertan.
Sich zum Beispiel darüber zu erschrecken, dass an einem anderen Ort, aber zur gleichen Zeit einem Mitschüler ein Flugzeug nach Auschwitz gewünscht worden ist und ein Becher Urin über den Kopf gekippt werden sollte.
Sich also Erschrecken über einen Charakter, den Adorno einmal passend mit „gewitzigter Stupidität“ bezeichnet hat. Ein verhärtetes Subjekt, unfähig, Schwäche zu zeigen, geschweige denn, sich selbst in irgend einer Art zu kritisieren.

Die Forderung, hier und jetzt. Nehmt das Video aus dem Netz!

Der letzte Akt ist eröffnet,
Don Quixote

Pünktchen. Komma, Strich- Beitrag zur Kastration der Massenverdummung

A:1/Frühjahr 2007
1.3.09 10:37


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Im Kaffeehaus

Ich sah einmal eine Dokumentation über eine postsowjetische Stadt am schwarzen Meer(Odessa)- neben den typischen, vor Harmonie Bedürfnis triefenden, positiven Worten, mit denen der Kameraschwenk durch die Stadt begleitet wurde, Worte, die den im ewigem Widerholungsrythmus festgesetzten gesellschaftlichen Lauf der täglichen Geschäfte veredeln, waren die Gestallten selbst, die da Träger des neuen Selbstbewusstseins sein sollten, von einem merkwürdigem Verständnis von Glück, von "Lebenssinn" beseelt:
Da sah man einen Bootsführer, der den lieben langen Tag auf die wenigen Touristen, die in die Stadt kamen, wartete und sich für diesen Zweck- die Wartezeit zu vertreiben- eines jener modernen Musikhandys zu legte, auf dem er immer wieder ein Lied abspielte- Wind of change von den Skorpions.
Das dieser wind of change so gleich und differenzlos ist, dass noch der Wind vom schwarzen Meer eher eine Briese von Freiheit und Veränderung mit sich trüge, als der in monotoner Dauerschleife abgesielte ever green der deutschen Rockband The Skorpiens, fällt weder dem Bootsführer auf, und erst recht nicht den "Dokumentaren", die mit dem zweifelhaften Anspruch arbeiten, das je Partikulare, „eigene“, wie dem "kulturell besonderen", als absolutes, unantastbares zu betrachten- ohne eben darin die "Ideologie" zu sehen, die darüber betrügt, dass, wie Adorno im Vorwort der Minima Moralia es formulierte, "unmittelbares Leben" nicht mehr existiere.
Der Schritt vom Besonderen zum Allgemeinen vollzieht sich in dieser Dokumentation dann prompt, als vom Hafenradio berichtet wurde: Die Hafenarbeiter dürfen „selbst“ bestimmen, welche "songs" während des Arbeitstages gespielt werden, und wieder hört man in einer kurzen "Totalaufnahme" von der Hafenanlage aus allen dort installierten Boxen die "Top of the pops" spielen, dudeln:
Nun wird das Individuelle wieder allgemein verbindlich für jeden Hafenarbeiter(auch wenn jeder über seine höchst individuelle Musik mitentscheiden darf),und statt der Frage des Einzelnen, ob er überhaupt ununterbrochen Unterhaltungsmusik hören möchte, bleibt nur die Frage der Hafenradioredaktion übrig, welches Lied in einer für ihn eng bemessenen Zeitspanne er hören möchte- noch dazu im prozentualen Durchschnitt.
Die scheinbare Unmöglichkeit der, wie auch immer intensiven, abseitigen Erfahrung während der Arbeit,- das „aha“ Moment über die Sinnlosigkeit der Arbeit und Produktion als Selbstzweck, der jedem Menschen, unabhängig von Geschlecht, Alter, Klassenzugehörigkeit oder „geistigem Niveau“, als Potential der Reflexion inne wohnt- und sei es das Eingeständnis der Stumpfheit des Alltags, die eben durch jene Wiederholung im Arbeitsprozess gekennzeichnet ist- wird durch die musikalische Untermalung noch verdoppelt.
Wie die songs sich wiederholen, nicht nur im Programmablauf, auch und besonders in ihrer Form und Struktur,
gestaltet sich auch die Arbeit: und vielleicht denkt ein Arbeiter grimmig, dessen Musikwunsch vielleicht nicht der absoluten Mehrheit entspricht, dass er wieder daran gehindert wird, seine musikalische Idee, die er am Abend an seinem alten, etwas verstimmten Klavier hatte, weiter zu spinnen.
Nicht ist es so, dass mich daran irgendein individuelles Glück stört, welches doch bereits durch den „humanen“ Zwang zum Mithören und Mitmachen morsch ist-
Sondern der unhinterfragte Konsens der pausenlosen Popmusikbeschallung.
Es mag ja sein, dass diese Form der Berieselung den Arbeitstag erträglicher macht- im gleichen Zug wirkt sie aber als weitere Art der Konservierung gesellschaftlicher Stagnation.

Begleitmusik des Immergleichen

Dieses Konzept des Hafenradios, ähnlich vielen weiteren Beispielen, von denen eins noch weiter ausgeführt wird, erinnert stark an die Sklavengesänge der Afroamerikaner, aus denen sich später die Musikstile Blues und Jazz entwickelten- aus denen dann zu einem wesentlichen Teil die Rock- und Popmusik hervorging (wenn man das mal ins Deutsche zu übersetzen versucht- populäre Musik-, dann kommt man wohl dem Begriff volkstümliche oder „Volksmusik“ recht nahe). War in den Sklavengesängen mit ihrem call und response - trotz dem kollektiv zumutenden Verhältnis von Vorsänger(leader) und Chor- wenigstens noch die Möglichkeit der Improvisation und dem unbestreitbaren kleinen Glücksgefühl des Singens und Mitsingens gegeben, hatten sie schon die Funktion der Produktivkraftsteigerung erhalten:


„Ein Vorsänger (leader) gab eine spontan erfundene Melodielinie vor, und die arbeitende Gruppe (choir) antwortete unmittelbar darauf. Dadurch entstand ein starker Rhythmus, der den Arbeitsablauf leitete. Er erhielt zum einen die Konzentration jedes Einzelnen aufrecht und sorgte zum andern für bessere Koordination der Bewegungen, lenkte alle Sänger von der Monotonie der Arbeit ab, erleichterte ihre gemeinsamen Bewegungsabläufe und steigerte so ihr Durchhaltevermögen. Oft wurden dieselben bekannten Melodien bei neuen Arbeiten mit neuen Texten unterlegt, um die schon eingearbeitete Gruppe zusammenzuhalten.“ (1)




„Manche Sklaventreiber (drivers) erlaubten ihnen, ruhige Lieder (quiet songs) zu singen, solange diese sich nicht gegen die Sklaverei wandten. Diese Lieder erleichterten den Arbeitsablauf und dienten der Aufmunterung durch gemeinsamen Ausdruck der Gefühle, ähnlich dem Gesang von Galeerensklaven oder Häftlingen (chain gangs). Ihre Texte handelten nur vom täglichen Leben der Sklaven und hatten keine religiösen Inhalte. Die so begleiteten Arbeiten waren z.B. das Ernten und Sammeln von Baumwollblüten auf den Feldern, Schaufeln von Gräben, Holzhacken, Frachten verladen, Hämmern von Planken, Befeuern von Dampfbooten, Felsbrocken schleppen, Bahngleise verlegen und andere.“ (ebf. 1)

Das findet wohl seinen künstlerischen Ausdruck im „Lied vom achten Elefanten“ im epischen Drama „Der gute Mensch von Sezuan“(Standartlektüre in den 13 ten Klassen von deutschen Gymnasien) von Bert Brecht: Das Lied handelt von acht Elefanten, von denen sieben vom achten bewacht werden, um den Wald von Herrn Dschin zu roden- eine Parabel in der Parabel „der gute Mensch“ und wird von den Arbeitern in der Tabakfabrik angestimmt, als Anspielung auf „Sun der Flieger“, der vom normalen Arbeiter zum „Vorarbeiter in einer Tabakfabrik avanciert ist. Früher selbst geschunden, wird er nun zum Schinder, und zwar zu einem besonders scharfen. Das Lied vom achten Elefanten ist auf ihn gemünzt.; einer der Arbeiter stimmt es an, die anderen fallen in den Refrain ein. Yang Sung überhört, seiner Position sicher, den Angriff, er macht sich das Lied sogar für die Produktivität zunutze, indem er es zur Rationalisierung umfunktioniert, lachend den Refrain der dritten Strophe mitsingt und in der letzten das Tempo erhöht(das des Liedes und das der Arbeiter) durch In-die-Hände-Klatschen anzieht. Der Jazz im Nachspiel- karikierter Dixiland- erhitzt die Antreiberei zu einem wahren Taumel; hier wird Kritik an der Verfälschung dieser Musik angesetzt, an der Manipulation von Lebensfreude zu demagogisch geschürter Ekstase.“(2)

(Diese Überlegungen zur Kontinuität von Sklavenmusik und der modernen Berieselung sind Laienanlyse und können eine intensive Beschäftigung mit einer spezifischen Musikgeschichte für Sklavenmusik, etc. nicht ersetzen!)

Man beobachte einmal Menschen, die ein Gespräch führen, während im Hintergrund, und nur ein Minimum
leiser als die Redenden, eben jene Popmusik läuft, mit ihrem, ich kann dieses mein subjektives Urteil leider nicht oft genug wiederholen, erschreckend eintönigen und gleichförmigen Rhythmen, und es kann auffallen, dass die gesprochenen Sätze im gleichen Fluss und Takt wie die „Musik“ dahinfließen- ich glaube, es ist hanebüchen darauf hinzuweisen, dass Denken davon nicht unberührt bleibt und in seiner heutigen Phrasenhaftigkeit, den stetig sich abspulenden Denkschleifen, vom Musiklauf nochmals bestätigt wird.

Was Musik, die diesen Namen wirklich verdient, bewusst oder „aktiv“ mitgehört, dem Hörenden eröffnen könnte- davon schwingt in der Berieselung nicht mal mehr eine Ahnung mit- selbst die umgekehrte Seite wird verwehrt, nämlich, was ohne ständiges „song playing“ über Lautsprecher, Kopfhörer und Handys erfahrbar wäre: Eine unreglementierte Erfahrung.
Stattdessen scheint ein unhinterfragbarer Konsens zu herrschen- über dessen mithin ökonomischen bzw. kulturindustriellen Grund kaum noch reflektiert wird- nachdem die Dauerberieselung an fast allen möglichen Orten- beim Frühstückstisch, in der Kneipe, im Kaffee, in der U-bahn, wahlweise durch zur Schau gestellte Musikszeneangehörigkeit via Handys, Schule, Uni, Arbeit- human sei und dass der, welcher sich dagegen wehrt, wenn nicht gleich verprügelt wird, weil er den falschen Musikgeschmack hat(ergo die falschen Buttons trägt), so doch schief angeguckt wird:

Eines kalten Wintertages, an dem jedoch die Sonne schien, war ich auf der Suche nach einem Cafe, um darin an einem Gedicht weiter zu schreiben- ich öffnete die Tür, roch den gebrühten Kaffee und besetzte einen der Plätze am Fenster, um einen Blick auf die belebte Einkaufsstraße werfen zu können. Im ersten Moment genoss ich die- wenngleich trügerische Stille, die einzig von den Gesprächen an den Tischen unterbrochen wurde, was für mich kein Problem darstellte, da diese eine zumindest tolerierbare Geräuschkulisse waren. Doch- kaum hatte ich einen Gedanken sprachlich gefasst, den Bleistift angesetzt- das ginge so, ich müsste nur anfangen mit dem Wort...- kam aus den Lautsprechern la la la la, die Miene brach ab, ich zuckte zusammen, stand von meinem Platz auf und fragte am Verkaufstresen einen Verkäufer, ob, wenn schon nicht die Musik ausgemacht werden konnte, er sie doch bitte auf ein erträgliches Lautstärke Minimum herunterdrehen könnte:
„Könnten sie bitte“ fragte ich ihn also, „da ich an einer wichtigen Arbeit sitze, für die ich geistig gespannt sein muss, weil sie, ohne, dass ich diesen Punkt besonders herausheben möchte, von wirklich großer Wichtigkeit für mich ist und ich, ohne diese Arbeit nicht wenigstens ein kleines Stück während der Stunde, die ich in diesem Geschäft verbringe, vorangebracht zu haben, aus dieser Türe“ zur der ich frech und bestimmt zeigte „zerknirscht heraustreten werde und nie wieder kommen werde- könnten sie also aus den, für sie sicher völlig einsichtigen, genannten Gründen die Musik, die aus den Lautsprechern ertönt, bitte etwas leiser machen, ich wäre ihnen sehr verbunden“
„Das ist so eingestellt“ antwortete er knapp, und er könne nichts machen, und auf die Gegenfrage, ob er mir denn die Zeiten nennen könnte, zu denen keine Musik gespielt werde, schüttelte er verwirrt den Kopf und ließ mich mit meinen- ich sehe es inzwischen ein- anachronistischen Befindlichkeiten allein.



(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Worksong
(2) aus: Brecht Liederbuch, Hrs. Fritz Hennenberg, S.438
19.2.08 17:55


Eine Rose ganz besonderer Art

Ich las es eines Abends in einem Internetforum. Ein kurzer Eintrag, vier Zeilen mit einem Linkverweis auf Wikipedia. Gleich fühlte ich mich angesprochen, suchte in meinem psychischen Pott nach allerlei Erfahrungen diesbezüglich und stellte fest, ja, dass kommt dir sehr bekannt vor. In meinem Hexenkessel neurotischer Veranlagungen wurde mir neben Narzissen, manisch-depressivem Koffein und schizophrenem Kinderblut eine neue Zutat bekannt- die Profilneurose. Sie wächst in einsamen Stunden, wenn die Langeweile und das Minderwertigkeitsgefühl sich wieder ein Stelldichein geben.
Der Forumsbeitrag bezog sich auf das Verhalten mancher User im Net, die dort so richtig die Sau raus lassen, sich also vor anderen profilieren, um sich selber aufzuwerten. Gleich der nächste erwiderte auf diese Verhaltenskritik: „Deine Mudda hat ne Profilnerose“ Bestimmt hat sie eine Solche, ich fragte mich in diesem Moment- hat die nicht jeder? Es hat ja jeder auch irgendwie alles, Einstein schon bezeichnete die Welt als ein einziges Irrenhaus. Und ich, so sitzend und meine Gedanken niederschreibend, gieße sie schon wieder. Ich gebe mich ihrer Zauberkraft hin, die ein „übertriebenes Verhalten in der Öffentlichkeit ausdrückt“, um einerseits auf sich aufmerksam zu machen, und oder um seine Mitmenschen zu stören. In dem ich das Gedanken verlorene Genie mime, weltabgewand ins Leere starre und scheinbar dem Rätsel des Lebens auf der Spur bin. Das Lustige ist ja, dass ich solche Phasen tatsächlich habe- unter dem Einfluss Bewusstseins erweiternder Gedankenströme verliere ich oft das Einfache aus den Augen und dann, wie ein Schnipsen vor dem rechten Ohr erwache ich, meine immer noch geöffneten Lieder sehen auf mich gerichtete Blicke. Statt nun in den „Normalzustand“ zurückzukehren, bediene ich diese verwunderten Blicke noch. Meine Profilneurose möchte sozusagen Wasser haben. Ich vergrößer meine Augenhöhlen, damit in diese noch mehr umstehende Menschen herunterschauen können- vielleicht erblicken sie ja darin dieses kleine zarte Ding. Meine Profilneurose, Meine!
Bewundert sie, hasst sie. Es ist mir auch egal.
17.10.06 08:18


Music makes people

Mich nerven die Angewohnheit mancher Leute, Personen konsequent nach ihren persönlichen Vorlieben einzuordnen oder nach ihrem Beruf. So sind es bei den Erwachsenen die Bauarbeiter und Bankiers, Lehrer und in was man noch so alles einordnen kann. Dementsprechend werden den Leuten dann auch bestimmte Eigenschaften angedichtet. Das erinnert doch stark an den Komplex von Rassisten, jedem Angehörigen anderer Nationen die für ihn geltenden nationalen Eigenarten vorzuhalten. Boa, aus Brasilien? Dann kannste ja bestimmt richtig jut Fußball spielen.
Wat, USA?, ich finde Busch scheiße.
Diese Liste ist wohl bis ins Unendliche fortzuführen.

Richtig lustig wird es, besonders bei Jugendlichen, Menschen nach dem Musikgeschmack zu beurteilen. Das sind die HipHoper- die vergewaltigen immer Frauen. Die Raver, immer auf Drogen. Irgendwas stimmt da nicht, wie ich finde. Ich selbst höre Hip Hop-bin ich jetzt auch Hip Hoper? Und Jazz- ein Jazzer? Oder doch ein Jazz Hip Hoper? Und was ist mit Soul, Elektro, Techno, Chanson. Eine besondere Vorliebe habe ich auch für klassische Musik. Bin ich dann ein Klassiker? Zugegeben- den Gedanken finde ich sehr amüsant. Dann müssten Generationen von Schülern meine schlauen Sprüche auswendig lernen.
4.6.06 15:18





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