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Kurzgeschichten

Meine kleine grüne Rose

Rahel schob ihren Zeigefinger in das Loch der Tonkassette und drehte langsam das entworrene Tonband in die Hülle hinein. Sie schob sie in das Radio, drehte auf volle Lautstärke und hörte den ollen Schlager zum bereits hundertsten Male.
„Blumen im Garten, so zwanzig Arten, von Rosen, Tulpen und Narzissen...“
Sie schwang sich in die Lüfte mit der Schaukel, trällerte „kleiner grüner Kaktus“, überblickte den kleinen Garten, und rief zu den Rosen, Tulpen, Mohn und Narzissen, die ihr Großvater mit viel Anstrengung so herrlich gezüchtet hatte: „Kleiner grüner Kaktus. Mein kleiner grüner Kaktus“ ... in die Lüfte schwang sie sich wieder, fiel wieder nach hinten, und wieder vorwärts „...was brauch ich rote Rosen, was brauch ich roten Mohn...“
„Rahel! Was singst du denn da?“
„Holeri, Holeri, Holero“
“Warum beleidigst du meine Blumen? Rahel! Warum machst du das?”
„Holeri, holeri, holero, was brauch ich rote Rosen, was brauch ich roten Mohn, holeri, holero“
„Rahel!“
Die Schaukel kam zu stehen. Rahel erhob sich gemächlich vom Schaukelsitz, blinzelte in die Sonne, atmete die warme Frühlingsluft ein und trat dann vor ihren Großvater.
„Ja, Opa?“
„Rahel, warum hast du meine Blumen verspottet?“ Opa, der alternde grauhaarige Großvater stellte sich vor das Beet seiner Zöglinge.
„Rahel, was hast du gegen meine Rosen, gegen meine Narzissen und Tulpen? Von dem Mohn ganz zu schweigen!“
„Ach Opa, es war ein Lied! Nehme es doch nicht zu ernst!“
„Ernst? Weißt du eigentlich, was mir meine Blumen bedeuten? Ich empfinde es als Beleidigung, wenn du vor meinen Ohren, ganz ungeniert diese unrasierten Kakteen preist.“
„Opa! Und deine Rosen haben also keine Dornen? Und überhaupt, was regst du dich dermaßen auf. Lass uns lieber ´Mensch ärger dich nicht` spielen. Übrigens hat ein Kaktus ungemein viele Vorteile!“
„Was? Ich ärger mich aber über dein unrespektables Verhalten. Was sollen das bitte für welche sein, diese Vorteile? Sag mir doch, was dieses Wüstenkraut mit meinen unbeschreiblich schönen...“ er ging in das Beet und roch bezaubert an seinen Lieblingen „...vergleichbar macht, he?“
„Na zum Beispiel dein krummer Rücken, Opa.“
Und tatsächlich war der Opa gleich einer krummen Banane.
„Das erläutere mal, Rahel.“
„Sieh doch, so ein Kaktus verbraucht nicht gerade viel Wasser“
„Das möge ja stimmen, Rahel. Es ist ja auch ein wertloses Wüstenkraut.“
„Eben deshalb. Weil es ein Wüstenkraut ist. Und du brauchst dich nicht länger so oft bücken, um deinen Rosen und Tulpen Wasser zu geben. Und größer werden sie auch. Du musst dich also sowieso nicht mehr bücken. Und wenn du das bücken misst...“
„Ja, dann?“
„Kaufst du dir einen buckligen Kaktus!“

Im Verlauf der Zeit legte sich der alternde, ergraute Großvater ein Beet voller Kakteen an.
Er pflanzte große, gerade Kakteen, mit riesigen oder kleinen Stacheln und auch einen buckligen. Schweren Herzens entsorgte er seinen Mohn, seine Narzissen, Tulpen und die guten treuen Rosen.
Der Sommer stand in seiner Höhe, der Großvater, endlich zufrieden mit seiner Anschaffung, trat aus dem Gartenhäuschen. Rahel schien wieder Musik zu hören!
Rahel schwang durch die Luft und hörte den Chanson zum 50ten Mal.
Sie trällerte:
„...La vie en Rose. C`est la vie en Rose „ und fiel wieder zurück, und ging dann wieder in die Lüfte. „La vie en Rose“ und sang zu den Kakteen „La vie en Rose, Rose, Rose...“
„Rahel! Warum beleidigst du meine Kakteen? Weißt du denn nicht, was sie mir bedeuten?“
Rahel verließ die Schaukel, genoss das satte grün der Bäume, die Magie der dicken weißen Wolken und trat dann vor ihren Großvater.
„Bedenke, Opa, dass so eine Rose ungemein viele Vorteile hat“
3.1.07 17:48


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Ein Rendevouz mit Pythagoras

Im dritten Stock hatten sie den Mond aufgehängt- er baumelte an der Decke und warf sein milchiges Licht auf die Münder und Augen der jungen Schüler. Einer von ihnen, Hubert, war dagegen abseits der großen Laternen.
Er saß auf einer der Holzbänke im Schulhof und von dort blickte er erwartungsvoll in das Fenster des Flures; Er sah seine Mitschüler, die unter dem großen Lampenschirm umher wuselten. Doch da verschob sich eine Wolke und etwas rechts des Mondes erschien die Sonne wieder und kitzelte seine seine Augen.
Hubert entspannte sich statt im arbeitseifernden Mondlicht in den wohligen Strahlen der Sonne, eine warme Brise umfloss sein Ohr und er begann zu träumen. Wörter spulten sich in seinem Kopf ab. Merksätze wie a² + b³ durchmischten sich mit Gefühlen und Erinnerungen und während er so saß und in Gedanken versunken philosophierte, rauchte Pythagoras neben ihm sein Pfeifchen.
„c²“ sagte der Meister.
Der Rauch seiner Pfeife stieg in den Himmel, teilte sich auf und verflog in drei Richtungen.
„Schöner Tag, mein Junge, nicht?“
Er lehnte sich an einen Papierkorb am Ende der Bank und zwinkerte Hubert zu.
Pythagoras Blick schweifte über den Schulhof- seine Augen blieben an den geraden Formen der Fenster und Türen hängen. Besonders die Dachform des großen Schulgebäudes schien ihn zu interessieren.
„Interessant“ murmelte Pythe und nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife.
„Ich find’s hässlich!“ erwiderte Hubert.
Pythe nahm einen Stab aus seinem Umhang und zeichnete damit ein Dreieck in den lockeren Sandboden. „Hässlich, so, so“ Nun schrieb er grieschiche Buchstaben in die Ecken und die Seiten des Dreicks markierte er auch noch- a b c !
„Interessant“ murmelte er erneut. Hubert wurde zornig, er stellte seinen Fuß auf die längste Seite des Dreicks und wischte sie weg.
„Was machst du da, Junge“ fragte Pythagoras leicht erregt. Statt zu antworten, ergänzte Hubert die nun fehlende Seite mit einer geschlängelten Linie.
„d“ flüsterte Hubert. Pythagoras bespuckte die Schlangenlinie und zo sie mit seinem Stab gerade.
„c“ rief er erregt. Hubert, leicht belustigt von dem Alten strich einen Teil der Linie weg, so dass das Dreieck geöffnet war.
„Loch“ sagte er fröhlich. Pythe strich das gesamte Werk mit seinem Stab durch. „Solchen Schwachsinn lass ich nicht gelten“ Er grübelte eine Weile.
„Na gut, ich gebe nach“ Er zeichnete einen Kreis. „Loch“ sagte er und deutete darauf mit seinem Stab.
Hubert schüttelte den Kopf. „Kreis!“
„Loch“ rief Pythe erfreut und steckte seinen Kopf hinein. „Kreis“ flüsterte Hubert.
„Loch!“ sagte Pythagoras noch einmal, zwinkerte Hubert zu und verschwand in der Erde.
Hubert guckte noch einen Moment verwundert zu Boden, dann ließ er sich wieder von der Sonne betören.
„Hubert“ Er schaute nach oben. Über ihm hing wie gewohnt der Mond und überlagerte mit seinem Licht wieder Huberts gute Laune.
„Hier, Hubert“ Frau Schneider stand neben ihm, mit dem großen Zeigestock in der Hand und mit einem strengen Blick.
„Die Pause ist vorbei, Hubert. Ab an die Tafel“ Hubert trat an die grüne Tafel heran, wischte dem Schwamm eine Linie des Dreiecks weg und ersetzte sie mit einer Schlangenlinie.
„a² + b² = d²“ rief er zur Klasse, ging zurück zu seiner Bank, stolperte über seine Schnürsenkel und setzte sich wieder, den Kopf auf den Tisch gelegt.
Frau Schneider schüttelte verständnisslos den Kopf.
17.10.06 08:19


Ballett der Mücke

Es war einer dieser lauwarmen Spätsommer Abende und ich war krass auf Drogen. Auf Kaffee und Schwarztee, von jedem zwei Tassen am Nachmittag. Dann war da noch mein alter Schallplattespieler- mein Abendprogramm lautete diesmal Nussknackersuit. Die Sonne sank, ich trank noch einen kräftigen Schluck und spielte eine Weile, Klavier, mit Murmeln und einer alten Holzpuppe.
Punkt acht Uhr kamen die Mücken- das alte Spiel, weil mir heiß war, stand das Fenster offen bei kreller Festbeleuchtung, die ungebetenen Gäste flogen in Scharen ein und besetzten die weißen Wände, weiß mit rötlich-schwarzen Überresten ihrer Vorgänger. Ich betrachtete einen Moment diesen Galgenhumor der nervigen Biester, die doch vor nichts zurückschreckten-sie machten es sich bequem auf dem Friedhof ihrer Eltern und Großeltern.
Das Puplikum war anwesend und das Konzert konnte beginnen. Ich drückte die schwarze 33- Taste und ließ die Ouvertüre erklingen. Die erste Mücke löste sich von der Decke und ihr grauer Körper und ihr Summen und ihr Flügelschlag passte sich wunderbar dem Takt des Nussknackerballetts an. Das Deckenlicht ließ sie strahlen, ich nahm Anlauf und in einem zierlichem Sprung mit halber Drehung packte ich sie mit meiner Hand. Damit endete die Overtüre. Die aufgeschreckten Schwestern der Toten schwirrten in alle Richtungen im Schneeflockenwalzer, versteckten sich hinter Schränken, auf Bildern, ich warf mich in mein Bett. Ich zog mir mein weißes Laken über den Kopf und hopste im Raum umher. Schneeflöckchen, Schneeflöckchen , Weißröckchen, hüpfte, sprang auf das Klavier und stand nur mit den Zehen auf dem schmalen schwarzen Absatz vor dem Tastenbett. Meine Fußversen schwebten über dem Abgrund. Ich tippelte den Absatz entlang, tippte hier und da auf eine Taste und untermalte so dass Konzert, in der Mitte vor dem kleinen c schob ich meine Füße zusammen und das gesamte Gewicht meines Körpers lastete auf den beiden großen Zehen- Blumenwalzer.
Berauscht sprang ich von Kante zu Kante, mit einem weißen Taschentuch jagte ich die Insekten mit Tanzschritten durch den Raum, balancierte auf Schränken und fand lang vergessene Sachen zwischen verstaubten Bücherrücken- eine alte gepresste Pflanzensammlung. Kurzerhand streifte ich die tote Mücke an meiner Hand in die Pflanztenfolie ab und am Ende des Blumenwalzers stand ich aufgeputscht in der Mitte meines Zimmers und erwartete das Erklingen des Divertissement. In den Rythmen des arabischen(der Kaffee) und des chinesischen Tanzes(Der Tee) trachtete ich noch den letzten Zuhörern nach dem Leben. Im Publikum breitete sich wieder Panik aus und ich konnte noch die letzten Mücken mit fürchterlichen Klatschern gegen die Wände ermorden. Erschöpft sank ich in mein Bett und wollte meinen Sieg genießen. Ich starrte in die Lampe, meine Augen wurden müde und meine Ohren lauschten dem beginnenden Walzerfinale. Langsam und entfernt hörte ich sie wieder- leise, ganz leise erst, die Musik erhöhte ihr Tempo, ich hörte wieder das Surren und Summen, der Walzer strebte den Höhepunkt an und ich sah ihren Körper und den langen Stachel. Im Anmarsch des Trommelwirbels erhob ich mich, streckte meine Hand nach ihr aus und mein weißes Taschentuch glühte förmlich im Licht. Der Paukenschlag, ich landete in den Federn und die Musik wurde langsamer, gemächlich. Ich öffnete das Taschentuch und stellte zu meiner Zufriedenheit fest, das es einen roten Fleck hatte.
Die Vorstellung war zu Ende und mein Schlaf für jene Nacht gesichert.
17.10.06 08:17


Mono- Di- oder Polysacharide?

Tom stand am Ende einer ziemlich langen Straße- und vernahm den Geruch von süßen Backwaren. Dieser kam gekrochen aus irgendwelchen Winkeln von nahen Gemäuern, aus Ritzen zwischen Ziegelsteinen und Mörtel. Der Geruch strömte durch Toms Nasenlöchern und machte sich in seinem Bewusstsein breit. Ein starkes Verlangen überwältigte Tom, nach einem großen Stück Kuchen, mir Erdbeeren oder Himbeeren und Apfelstückchen- und dazu noch eine große Tasse mit starkem Kaffee.
Er versuchte diesem Drang zu widerstehen und dachte mit großer Anstrenung an salzige Fische mit Sahnesoße, Steak, Schnitzel, nur kein- "Zucker!" Er stieß dieses Wort so plötzlich aus, stand auf dem belebten Bürgersteig und war dabei, einen Vorsatz zu brechen. Toms Einwilligung in seine selbstgewählte Askese war Anfangs ja auch nur ein Spaß- der Eintritt in den Kreis experimenteller Zuckerabstinenzler so eine Art Selbstbeherrschung des Willens. Doch mehr und mehr machte er Ernst, verbannte den weißen Stoff aus seinem Leben wie andere Zigaretten und Bier und fühlte sich doch nicht recht glücklich dabei. Seine Nase schien das zu bemerken und übernahm jetzt die Führung- sie zog den langen Körper hinterher, der hypnotisch an ihrem Rücken festklebte, vorbei an ahnungslosen Passenten, die keinen Schimmer von seiner unheilvollen Situation hatten. Auch die Augen hatten etwas zu sagen und blieben alle paar Meter an kleinen Kindern, die genüsslich ein Eis schleckten, hängen. Mehr am Eis denn den Kindern, und es schien so, als würde seine ganze Mitwelt gerade nichts anderes machen, als sich Zucker reinzustopfen. Überall zufriedene dicke Menschen, schlanke Menschen, mit oder ohne Haaren und alle aßen sie Süßes, halfen bei der Dezimierung der Gummibärchen Population mit, lutschten einen Schokoladenriegel. Tom zitterte am ganzen Körper, die Nasenlöcher, sie waren so groß wie Teller und er glaubte, ein Strom gläubiger Pilger zog an ihm vorbei, die ständig im Gebet ihre Glaubenssätze runterrasselten. Zucker. Zucker. Und immer wieder, in seinem Kopf tanzten halb nackte Männer und Frauen um einen großen Altar, opferten allerlei Süßes, ein Berg voll Teller mit Obst, Speiseeis, Gebäck, Sodagetränke und die Spitze des Festmahls bildete ein zwei Meter hoher Zuckerhut. Sie tanzten und wie vom spirituellen Feuer gepackt streuten sie Zucker aus ihren bunten Zuckerdosen, und wie weiße Flocken verteilte sich das Zeug um den Speiseberg und erschuf eine leuchtend weiße Schneekristall Landschaft.
"Amen"
"Dir auch Bruder" Ein dicker Mann lächelte ihn zweideutig an. Tom blickte erschrocken auf, rümpfte seine Nase.
"Was darfs sein" sagte der Dicke in einem etwas unsanfteren Tonfall und beugte sich dabei leicht über eine hell erleuchtete Glastheke. Toms Augen fuhren ähnlich einem Druckerkopf die Reihen mit Kuchen, Spritzringen und Pfannkuchen ab, scannten den gesamten Bestand und sein Mund druckte dann die Bestellung aus und sagte nur: "Kaffee" und er sotterte noch ein zaghaftes "weiß, bitte" hervor.
Zwei Minuten später saß er an einem runden Tisch, mit einer kleinen Blumentischdecke, mühte sich mit dem Verschluss der Milchpackung ab- sie platzte auf und zum Glück konnte er noch die Hälfte retten, der andere Teil verteilte sich zufrieden auf seiner Hose. Daneben lag noch eine kleine Packung Zucker. Er sah nicht recht. Hatte er das womöglich noch zur Bestellung hinzugefügt? War es sowas wie ein Zeichen, eine Art Prüfung für ihn, um ihn womöglich endgültig von den mit schädlichen Schwächen Behafteten zu unterscheiden? Neben ihn setzten sich immer mehr Leute, Speichel sammelte sich in seinem Mund an, ergraute Damen, die über alte Zeiten redeten und sich übergroße Stücke Sahnetorte in den Rachen schoben. "Hilfe", dachte er, "soviel kann doch ein Einzelner nicht auf einmal verputzen". Am Nachbartisch ließ nun jemand ein Stück Würfelzuck in den Kaffee plumpsen.
Tom schloss seine Lieder.
Als er sie wieder öffnete, hatten sich seine Augen wie automatisch auf die Glastheke ausgerichtet. Er seuftzte. Aus der Hosentasche zog er einen Zwanziger.
30.8.06 21:39


Pariser Hund

Ein Hund, der seine Schlappohren von einem Ventilator durch die Luft wirbeln ließ und ein lächelnder Mann, der einen Dachstuhl eines Pariser Hauses erklomm, ich, sitzend, schlürfend, träumend in einem Cafe- Pariser Cafe oder wie man es dort nennt, einen Salon de the. Und ich rührte seit etlichen Minuten in meinem Kaffee. Ein älterer Herr ging den kleinen Seitenweg entlang, pfiff eine bekannte französische Melodie und blieb vor dem Hund stehen, streichelte ihn und sagte ein paar französische Sätze zu dem Hund. Avec moi, avec moi, avec moi. Der Hund drehte seinen Kopf vom Ventilator weg und schaute den Mann an. Seine großen, bekanntlich treuen Hundeaugen wurden ganz matt; er bellte kurz und drehte seinen Kopf wieder zum Wind. Der Mann schien sichtlich erregt. „Avec moi“ lauter und deutlicher, in einem doch sehr störenden Befehlston, worauf ich meinen Löffel mit etwas Sahne füllte und zum Spaß auf den alten Greis ziele. Der Mann, ich nenne ihn jetzt mal Hugo und Hugo trug keine Baskenmütze, griff den Hund bei seinen Schlappohren, der Hund heulte und Hugo rannte los. „Bernard!“ kam es vom Dach herunter. Der lächelnde Mann schien auf einmal nicht mehr so erheitert- vom Dach über dem vierten Stock seilte er sich ab- immer wieder stieß er sich von der Wand ab und stand dann, genau neben mir auf dem Boden- klick –hatte er den Gürtel abgeschnallt- ein dünner Kerl war das, mit roten Haaren und einer blauen Weste, einer Art alte Polizei Weste, fluchte er einmal kräftig Diablo und stürmte los. Ich warf das Geld auf den Teller, der Kaffee schmeckte mir nicht, und lief hinterher. Durch dünne Gassen mich quetschend, versuchte ich dem Hauskletterer auf den Fersen zu bleiben und keuchte bereits, als wir an einem großen Pariser Platz ankamen. Auf dem Springbrunnen stand bereits Hugo- er hatte den Hund unterm Arm und trug jetzt einen Herrenhut und ein Barbiermesser lag in seiner Hand. „Diablo“ rief sein Verfolger, „avec moi“ erwiderte der alte Mann und schnitt das rote Hunde Halsband ab. Hugo hastete wieder los, diesmal in die Unterwelt- passende Diablo Rufe schallten durch die U-bahn Station. Die U-bahn kam, und wir hatten gerade noch Zeit, in den letzten Wagen einzusteigen, die Bahn hielt, die kurze Verschnaufpause war wieder vorbei, und die Jagd ging weiter. Warum nicht, dachte ich mir, so kann man Paris auch besichtigen, unscheinbare Straßen entpuppten sich als wahre Perlen des Pariser Geistes, Frauen und Männer und Kinder, erregte Dialoge, Fußball auf der Straße und dazwischen ein Wettrennen, ein wahres Hundeleben war das. Vor einer kleinen Parkbrücke hielt der Greis an, setzte sich auf eine Bank und atmete tief durch. Durch die Bäume konnte er wohl den Haussteiger nicht sehen, dieser warf sich aber- plumps- wie ein Kunstspringer über die Bank und griff den Hund- ein Ohr und das andere hatte der Greis und sie begannen zu ziehen. Dem kleinen Hund quollen die Augen hervor, er bellte, zappelte, versuchte zu beißen. Ich setzte mich neben einen Zeichner, der die Szene aufmerksam betrachtete und sie einzufangen begann- man sah auf seiner Leinwand einen lang gezogenen Polizisten und einen alten Methusalem. Darunter schrieb er „teilt den kleinen in zwei Teile, damit jeder ein Stück von ihm hat“ und spielte damit, ziemlich intelligent, wie ich fand, auf das biblische salomonische Urteil an. Wer ist hier die wahre Mutter? Der Hund biss zu, sprang in den Bach und schwamm davon, dicht gefolgt von den zwei Streithähnen, die jetzt durchnässt ihre Schwimmkünste unter Beweis stellten. In meinem Kopf spielte sich währenddessen eine schnelle Verfolgungsmusik, wie man sie aus dem Trickfilm kennt, ab. Irgendwann kamen wir wieder am Anfangspunkt an. Der Hund hechtete zu dem Ventilator, drehte sich um und fletschte die Zähne. Ich setzte mich, wohl wissend, dass meine Kräfte bis zum Äußersten beansprucht wurden, in das Cafe. Ein kleines Kind kam aus dem Haus auf der anderen Straßenseite gelaufen. Es pfiff, der Hund lief zu ihm, schüttelte sich, das Kind tadelte ihn, weil es dadurch ganz nass geworden war und sie verschwanden im Haus. Währenddessen rauften sich die beiden Herren auf der Straße, riefen Diablo und avec moi und ich bestellte mir einen Kuchen. Paris…
15.6.06 13:16


Der lange Hans

Dagmars Sohn war so groß. Fast zwei Meter lang und die Kinder sahen immer zu ihm rauf und flüsterten zu ihren Müttern: „Guck mal, Mama, der ist aber groß“. Die Mütter sagten „das ist der Hans“. Und die Kinder sangen „Der lange Hans, der lange Hans, der lange Hans“ und Hans sah mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf sie herab. Dann jagte er sie immer zum Spaß, die Kinder rannten in den nahen Wald und riefen: „Der lange Hans, der lange Hans, der lange Hans“ und versteckten sich zwischen Bäumen und Sträuchern und in Gruben und Löchern. Dagmars Sohn. Groß. Ihm war immer alles zu klein, keine passenden Schuhe und Hosen, Sonderanfertigungen. Er war schlank, schön anzusehen und er liebte Motorräder- richtige Maschinen. Dann bretterte er über die Landstraßen und Waldwege, ein übergroßer Kerl auf Achse und sauste an seiner Mutter vorbei. Dagmar. Sie arbeitete in diesem kleinen Elektronikgeschäft. Als Buchhalterin und sah zur Ablenkung aus dem Fenster, schon wenn sie die Motorgeräusche hörte. Ihr blieb jedes Mal das Herz stehen. Er saß dann wie ein Eis am Stiel auf seiner Kiste. Mit seiner geilen Lederjacke.
Er hatte drei Freunde, mir denen er damals immer fuhr. Einer krachte noch im nächsten Sommer im Vollrauch gegen die Eiche. Der zweite ertrank in Italien und der letzte- soll noch irgendwo hier leben, Familie ,Hund, Haus. Und Hans. Das berüchtigte Quartett.
Irgendwann baute Hans seinen ersten Unfall- ein kleiner Blechschaden.
„Ich mach mir Sorgen“ und Dagmar hielt ihrem Sohn einen Dauermonolog über Sicherheit im Straßenverkehr. „Kein Problem. Der Andere war schuld“ Er tat die Sache mit einer lässigen Handbewegung ab. „Pass auf dich auf“ Dagmar. Flehend. Sein großer Körper verlangte die doppelte Portion, er schlang es hinter und verdrückte sich in sein Zimmer.
Natürlich machten sie Rennen. Wenn die Mutter im Bett lag (der Vater war längst tot), drehte sich der Zündschlüssel und der Motor. Nebeneinander, meistens gegen die Typen aus dem Nachbardorf. Lokalpatriotischer Hass war der Treibstoff in ihren Kanistern, ein mäßiges Publikum am Straßenrand, bestehend aus ein paar Kumpeln der Rennfahrer, und Jeder einen 50er Schein als Einsatz. Der Gewinner kriegt den Pot. Das war die einzige wichtige Regel bevor die Raser ihr gefährliches Spiel begannen. Hans machte allein 200 in diesem Sommer. Es waren Ferien, und sie zelteten bei diesem kleinen See (genau der See- „Kleines Kind ertrinkt vor den Augen seiner Mutter“ stand vor zwei Wochen in der Zeitung.) Am nächsten Morgen wollte Hans zum Bäcker im Dorf fahren. Er schmiss den Motor an.
Sie begann ihre Arbeit. Dagmar machte es sich auf ihrem Stuhl bequem und ordnete den Papierkram. Rechnungen, und noch mal Rechnungen und Belege und ein Kaffe. Vor lauter Stress stößt sie dagegen und tunkt die Papiere in eine braune Soße. Sie beschimpft Gott. Und Hans hat natürlich wieder keinen Helm auf. Ein Insektenvieh flog ihm ins Auge.

Endlich- alles weg. Sie lehnte sich wieder in ihrem Stuhl zurück und guckte auf die Straße.
„Der lange Hans, der lange Hans, Hans, Hans, Hans“ Sie hatte schon wieder geträumt. Draußen fuhr dieser schwarze Wagen am Fenster vorbei. Bei der Hitze muss der Fahrer sicher schwitzen und sie kaute auf ihrem Bleistift herum. Minuten vergingen. Eine halbe Stunde verging und sie hörte wieder einen Wagen. Und wieder der Schwarze. Aus dem Hinterteil des Autos, geöffnete Türen, ragte eine lange, offene Holzkiste. Bestimmt 30 cm hing sie genau über der Straße und warf einen gestreckten Schatten. Der fährt aber langsam. Schwere Fracht und Dagmar warf einen flüchtigen Blick in die Kiste in dem Moment, als der Wagen an ihr vorbei fuhr. Zwei Beine lagen darin.

Der Arme, dachte Dagmar, und wendete sich wieder ihrer Arbeit zu.
5.6.06 19:49


Teufelswetter

Meine Oma erzählte mir einmal, dass die größten Änderungen, die sie in den letzten Jahren am Wetter feststellte, nicht die heißen Sommer und milden Winter der letzten Zeit waren. So was gab es auch früher mal, nichts außergewöhnliches, als das man daran etwas bemerken würde. Was ihr jedoch auffiel, war die stetige Häufung und zunehmende Stärke der Luftströme, Winde auch, die sie als das eindringlichste Charakteristika des neuen Lieblingsmodewortes des 21. Jahrhunderts(neben Terroranschlag) ausmachte: die berühmt-berüchtigte Klimaerwärmung.
Da ist der Begriff wieder, dessen Klang wohl bei den Meisten ein angsterfülltes Schaudern erzeugt. Überschwemmungen, Tornados, Dürren drängen sich, als Klischeeerfüllte Bilder, auf die Theaterbühne des menschlichen Vorstellungsvermögens.
Mit diesen Gedanken erfüllt, mit der Weisheit meiner Oma ausgerüstet, stand ich auf dem Fensterbrett unseres Hauses. Die etwas ungewohnte Frühlingssonne schien mir aufs Haupt und eben ihr prophezeiter Wind wehte an mir vorbei, und trübte doch merklich die ersten Regungen der warmen Jahreszeit. Mit der alten Sonnenbrille meiner Mutter im Gesicht, echter Siebziger Jahre Stil, stand ich also in einer frühjährlichen Brise und sah aus wie ein Easy Rider, cool den Blick übers weite Land gerichtet. Unbeteiligte Zuschauer(und der Sinnlosigkeit des Lebens auf dem Dorf geschuldet, gab es davon oft mehr, als einem lieb war) mochten mich wohl in diesem Augenblick für einen leicht verrückten Spinner halten, für den ich mich auch selber hielt. Doch mich Paradiesvogel übertrumpfte in diesem Moment das Schauspiel der Luft, das die Gegenstände auf unserem Hof gehörig durcheinander wirbelte. Die billigen Plastikstühle purzelten über die Wiese und knallten gegen im Weg stehende Hindernisse, vorzugsweise die Hofmauer oder die parkenden Autos. Der Katze gefiel das gar nicht so sehr, dass ihr jetzt wild gewordene Gartenmöbel ihren angestammten Platz am Vorderrad des Mercedes streitig machten. Und die Zeitungen aus der Papiertonne feierten eine Karnevalsparty mit reichlich Konfetti.
Langsam begriff ich, was meine Oma damit meinte.

Nach zehn Minuten endete die Vorstellung abrupt. Ein Platzregen spielte den Vorhang, und gab dem Szenario jetzt noch seine reißenden Wässer und Seen. Waren zwar nur Pfützen, aber in Dresden stand das Wasser im Flussbett schon wieder aufrecht, als erfüllte sich grade der Horrortraum der Apokalypse mit Sinnflut.
Doch eher ein Trauerspiel mit reichlich Tränen, dachte ich mir und schloss das Fenster meiner sicheren Arche. `Zwei von jeder Sorte´ leitete mich dann auch beim Aussortieren verschiedener Gummibärchenfarben, die dann ihre sichere Zufluchtsstätte in der dunklen Höhle meines Magens fanden.
Genüsslich kauend freute ich mich über die Fähigkeiten meines Gehirns, die merkwürdigsten Bedeutungszusammenhänge herzustellen, die der Komplexität der Sprache ihre enorme Schönheit geben. Ein passendes Wortspiel gefunden zu haben, erzeugt bei mir ein Glücksgefühl, dass dem des Orgasmus sehr ähnlich ist. Lust durch Sprache- herrlich. So stell ich mit das schöne Leben vor.

Ich glaube, Zeus wäre heutzutage Schlagzeuger. Der Regen, der die ganze Nacht schüttete, wäre dann so was wie sein Hi-Hat und der ohrenbetäubende Donner sein Bass. Gleißende Blitze als nächtliche Lasershow, wie sie in keinem Großkonzert mehr fehlen darf. Mein Kopf hielt das nicht wirklich auf die Dauer aus, als das ich dabei ruhig hätte weiterschlafen können. Als ich dann nach draußen sah, fühlte sich mein aktuelles Weltbild mal wieder bestätigt. Die Plastikstühle schienen sich nicht gerade wohl zu fühlen auf der Veranda. Einer lag jetzt im Kompost, zwei wollten sich wohl ins Teichwasser retten. Zu dumm, dass der Teich durch den Regen so überfüllt war, dass er sie einfach wieder rausspülte und sie jetzt das Rosenbeet zieren mussten, mit einem zappelnden Fisch, der notgedrungen auf ihrem Gesäß Platz fand. Schön so.
Chaos war dann doch immer noch eine meiner Lieblingskomponenten eines Gewitters. Der Alltag kam dabei mal so richtig ins schleudern, Stonewash, und am nächsten Morgen freut man sich auf brandneue Gestalltungsmöglichkeiten des eigenen Hof und Heimes.
Irgendwo fand ich auch meine Regenstiefel. Man kann ja nie wissen, was einem am nächsten Morgen in den wilden Weiten auf dem Weg zum Schulbus alles passieren kann.
Es stürmte weiter, das Wasser peitschte gegen die Fenster, und die Hunde konnten ihre Fresse mal wieder nicht halten. Ein Teufelskreis der Depressiven, vom Unwetter geweckten begann und puschte sich hoch. Hunde weckten Kinder. Kinder weckten Eltern. Unsere Küche füllte sich schnell mit den restlichen Familienmitgliedern. Na gut :
Die Mutter trank nur einen Tee und verfluchte den Hund und das Wetter. Es war ja nicht zum aushalten mit diesem Lärm.

Als dann um sechs mein Wecker klingelte, Schlummertaste – wieder eingenickt – er klingelte wieder – aufstehen, und das Radio einschaltete, völlig übermüdet. Schon wieder Dresden. Schon wieder Flut und dann Musik. Ich ging mich Waschen und ich wurde das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte. Als ich dann endlich aufbrechen wollte, die Tür öffnete und nach draußen ging, sah ich, was mich bewegte. Die Sonne schien, die Pfützen trockneten langsam aus und alles schien völlig normal zu sein. Und die Datumfunktion meiner Uhr zeigte den ersten April an…
4.6.06 15:10


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