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Kurzgeschichten

Die Kiste

Wem mag es vergönnt sein, nach etlichen Jahren auf eine alte Kramkiste zu stoßen, vorzugsweise die eigene? Liegt nicht in dieser Wiederbegegnung das ganze Glück der Welt, der verlorene Faden zu den bunt schimmernden Gefilden kindlicher Phantasie - wann war das noch gewesen? Diese Zeit schien ewig gewährt zu haben, Mythos seeliger Vorzeiten, aus denen glücklicher Weise wegen Bruchstücke ins Heute gelangt sein mögen.

Hier steht sie nun, seit wann ich sie anstarre, weiß ich nicht mehr. Und sie hat Patina angesetzt.

Diese Kiste: Sesam öffne dich!

Gib frei deine Schätze, die ich begehre. Nach denen ich mich verzehre. Immer schon.

Wüssten sie als Kind von dieser Erwachsenen Sehnsucht, hätten sie einen Hamstervorrat an Kästchen und Kistchen, Boxen und kleinen Truhen angelegt. In jede eine Welt gesetzt, die sie hofften, einst wiederzufinden, nachdem die große Selbstverdunkelung eingesetzt hat.

Hätte ich die Chance, eine Zeitreise zu machen, würde ich im Damals irgendwo Löcher graben, Kramkisten darin vergraben und diesen Kinderweisheiten beifügen, wie jene -

aber ich habe diese Kiste, die hier vor mir steht, ja noch nicht geöffnet. Sie steht dort, und ruht und schweigt.

Sie schweigt - aber ich kann sie zum Reden bringen. Indem ich sie öffne, aber da - reizt mich schon eine Kleinigkeit und ich muss eine zweifelhafte Ordnung wieder herstellen: blinkende Lichter zum Schweigen bringen, am Strom ergötzen.

Kistlein.

"Wir möchten sie bitten, mit uns zu kommen."

Da lauf ich schon wieder dahin, und meine noch die Kramkiste anzuschauen. Also alles wieder von vorne, sich erinnern, wo war die Kiste, wann habe ich sie zuletzt gesehen?

Da steh ich schon vor einem Freundesgrabe und lege Blümelein dahin. Da steht die Kiste! denke ich mir gedankenverloren (ich weine auch).

Ein Romantiker glaubte jetzt, in ihr das Versprechen des Grabes zu sehen, und ein ganz kleines bisschen, denke ich bei mir, hat er damit auch recht. Ein guter Schlusssatz wäre jetzt:

Ob die Kindheit noch lebt oder tot ist, kann erst dann mit letzter Sicherheit gesagt werden, wenn die Kiste geöffnet wird.
14.3.12 22:27


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Dieser merkwürdige Apperat am Rande einer Zeile bunter Einkaufsläden

Aller Anfang ist schwer; und wäre der sprachliche Pfad dieses Ratschlags, der immer noch Gültigkeit besitzt, denke ich, nicht derart zertrampelt, dass ich andre Wege suchen muss, ihn zu beschreiben, beschreiten, dann hätte ich einen Punkt nach schwer gesetzt. Habe ich aber nicht. Ätsch. Wäre eine unhöfliche Geste, ich entschuldige mich. Aller Anfang ist schwer, Punkt. Und dieser Anfang besonders, bin ich doch in technischen Detailfragen, wie sie etwa benötigt werden, folgendes in Worten zu skizzieren, unbeholfen.
Folgendes- Ding zu beschreiben, in seinen Eigenschaften, mit Verlaub, gestalltet sich nicht von allein; Am Namen mangelts zu erst. Ich nenne- Ding - "diesen merkwürdigen Apperat am Rande einer Zeile bunter Einkaufsläden".
Dieser merkwürdige Apperat...hatte eine Eigenschaft, die ihn allen anderen merkwürdigen Apperaten...überlegen machte.
Er schoss: Fotos. Das heißt: Er schoss nicht eigentlich Fotos, sondern Postkarten in den Ausgabeschlitz, auf denen das "Foto" abgebildet war, umkränzt von Häusern, Plätzen und Straßen dieser Stadt. "Greets from Berlin".
Soweit ein ziemlich simpler Apperat, mit dem man gegen Geld ein Souvenir dieser Stadt tauschen kann, welches an Pinnwänden genagelt die Erlösung im Papierkorb sehnt. Dieser technische Apperat war deshalb ungemein erheiternd für mich, als ich, die Zeile bunter Einkaufsläden entlang schlendernd, plötzlich vor ihm stehen blieb, weil der Bildschirm die Gesichter zur besseren Überprüfung des Endproduktes vorher aufspannte: Die Kamera projezierte die Außenwelt auf den Schirm in einer Weise, dass es wie ein Film aussah, nur- der Zeitliche Abstand zwischen Realität und Abbildung war, für den Betrachter, enorm. Die sich ändernden Gesichtszüge, Lächeln, ernst, melancholisch- kamen verzögert auf dem Bildschir wieder. Ich konnte einen Rückzug simultieren und vorschnellen, und mir das eigene Schauspiel rüblickend anschauen. Dann, nach etwa einer Minute, knipst es, sechs mal, und die Bilder erscheinen als Auswahl, um zu einer drei Euro teuren Postkarte womöglich zu werden. Ich habe nie einen solchen Menschen an diesem merkwürdigen Apperat beobachtet, der diese gekauft hätte; Es blieb, in meinen Augen, ein Spielzeug en passant.
Dieses Spiel schenkte mir, in seiner Vielfalt möglicher Abbildungen, eine angenehme Kurzweil, wonniges Vergnügen beim Vergessen dieser Zeile schlendernder, eilender Passanten; Ein mit vier Ecken begrenzter Bereich, von meiner Eitelkeit, vom kindlich-spielerischen Verlangen eingenommen, bannte mich und ließ mich gehen lassen, aus dem Stand: in die vornehme Welt der mimischen Entzückung. In dieser Welt ist die ganze der dieser Welt äußerlichen Welt verschwunden, zwischen Ich und Abbild eine wie in magischen Äther getauchte Symbiose: Das Ich in der seeligen Beobachtung seiner eigenen bildlichen Spur, die es wieder und wieder legt, versunken. Jetzt und gerade ebend: vereint im Moment. Knips. Knips. Knips. Knips. Knips. Knips: 6 Fotos erschienen auf dem Bildschirm.
Da ich nicht Willens war, diesem Automaten drei Euro in den Schlitz zu stecken, verlöschten sie nach kurzer Zeit, und ich, von diesem Bann befreit, reihte mich wieder in den Strom passierender Bummler, Einkäufe erledigender Bürger ein; bis, nach einigen Metern zurückgelegten Weges, das Fehlen meiner Mütze sich an meinem Kopf bemerkbar machte.--> wird fortgesetzt.
13.2.09 01:29


Der Laternenanzünder

Eine Tram, Straßenbahn, in voller Fahrt, keine Haltestelle hält sie auf, sie saust durch die Nacht. In ihrem Innern, die Fahrgastkabine, Sitze und Bänke zum Sitzen, Stangen oben, längs der Form, zum Festhalten, was notwendig bei ihrer schwinden Fahrt ist: wer sitzt und steht und sieht heraus aus dieser Straßenbahn? Ein Herr in jungem Alter, der zur rechten Seite sitzt, als einziger im Sitzen auf den Sitzen, im Stehen eine Frau ganz nah dem Herrn von jungen Jahren, selber jung, aber nicht ganz so, wie der Herr: mehr am Ende des Lebensjahrzehnt.
Beide starren sich an. Ihre fixierten Blicke versteinern den Raum zwischen ihren Augen zu einer Luftsäule, die solange ihre blicke trägt, als sie auf dem andern liegen. Wer soll ihre Blicke deuten?
Ein Fahrer noch, blond, einsam in der Fahrerkabine, außer ihm(ein Tunichtgut, der garnicht weiß, wie er zu dieser Arbeit kam, die Straßenbahn zu dienen) kein anderer, Mensch oder Freund oder Kollege.
Die Straßenbahn fährt in einen Tunnel.
Dunkel wird es in der Fahrerkabine, und mit dem Licht schwindet der Grund der Blicke. Das ist der Augennichtblick, der den Säufer hervorhebt, der in abwechselndem Lallen und Schnarchen auf dem Boden der Tram sein Dasein fristet. Nur ihn hört man jetzt, und die Geräusche der Straßenbahn.
Ein weiterer und noch ein weiterer Herr muss genannt werden.
Da hockt in einer Ecke ein hagerer Typ mit blassen Taint, lodrig gekleidet, unordentliche Reihenfolge, Textilien von unterschiedlicher Art: Ein ergrauter Mantel, der offen ist, darunter ein Hemd, aber ganz andere Farbe- Rot. Ein schäbiger Hut, dem die Krempe fehlt, zwei Schuhe, die, zwar in selber Form, von unterschiedlichem Verfall sind. Der linke ist schmutzig, und mehr noch, der Dreck verkrustet, bildet Schichten über Schichten und rechts vergilbt die Farbe, alles in allem: unordentliche Reihenolge, abgenutzt, vergessen, verzerrt. Doch stolz ist er, die einbrechende Dunkelheit im Tunnel mahnt ihn zur Arbeit, die zu tun seine Aufgabe war, seit er das Licht der Welt erblickte: er ist der Laternenanzünder.
Aus der Hocke kommt er in den Stand, die Stange mit der Kerze in der Hand, und zündet eine nach der andern der hängenden Laternen an, ein flackernd Licht erfüllt die Bahn, der starre Blick ist milder nun, der Säufer, auf der Seite liegend, erwacht von seinem Schlaf- die leere bierfalsche rollt zum andern Ende. Der Fahrer bremst langsam und ein zweiter Herr, der zweite Herr, der Schlüsselträger, der gegenüber dem Laternenmann saß, steht und schließt den Raum zum Fahrer auf.
Der junge Herr küsst die junge Frau. Dem Fahrer hinterher steigen sie, der Säufer und die Frau, der Mann von jungen Jahren aus der Bahn, die kurz nach dem Ende des Tunnels zum Stillstand gekommen ist. Morgenrot. Der Laternenanzünder lächelt, draußen liegt die Welt in freundlichem Schimmer.
6.8.08 11:29


Die Scham über die impulsive Hochstimmung

In diesem Bogenstrich lag ein ganzer Tag. Legte er ihn ab, den Bogen, zur Seite in den Koffer für die Violine, und das Instrument noch in seiner Hand, klang nach, was gerade den Staub vom Vergessenen hinweggespielt hatte. Ein ganzer Tag.
Einer der war und ist- er spielte hinweg die Grenze der zeitlichen Autorität durch jene schelmische Geigenweise.
Er saß.

Ob der gestreifte Punkt wiederkäme, der flüchtig erfahrbar wurde, ein neuralgischer, der aber jenes angenehme Durchzucken auslöste, dass ihn Ruhe zu suchen gemahnte? Das geschah selten, Momente zu wiederholen, in denen blitzartig alles abfiel, einschließlich der an den Tag gelegten Missstimmung, so durch, vom Aufstehen an. Jetzt davon zu zehren, bevor das Alte wieder einschnappt: hoffentlich. Da, da passierts.
Im Zimmer geht ein Licht auf, er versuchts zu fassen.
Vom Ständer nimmt er diesen alten Mantel mit dem wärmenden Innenfutter und die Stiefel, über die Füße, und die Mütze zieht er über den Kopf, dass auch der Hals noch berührt wird, denn der Schal hängt lose und lustlos. Verfolgt die Spuren, die in den Schnee gesetzt wurden. Sie ziehen sich weit hin, dass er nicht mehr imstande ist, den Anfang zu sehen, denn das Ende abzuschätzen, durch den Wald, geduckt, fast im Liegen
vorbei an dem Alten.
"Such nur den Flüchtigen, der seine Spuren hinterließ"
Unter ihm ist alles frisch, der Schnee ohne Schäden eines Drucks, einer Bewegeung, einem schwerfälligen Schritt des Alten vielleicht, vom Schuh an den Hosenansatz eine frostige Kruste. Er ist ganz er selbst und lach höhnisch: "such die Spuren" "Ich finde sie" Ganz er selbst. Lacht höhnisch, als sei nicht er der Narr.
Die Spur formt einen Bogen, der Alte bleibt zurück-
friert weiter ein, zu Eis erstarrt, und er sieht nicht zurück, er lässt den dunkler werdenden Wald bald hinter sich. -Wo führen sie hin, die Spuren?- Es vergessen Minuten die Stunden, der Schnee schmilzt mit den Schritten seiner Beine. Er steht- wieder.
Vor seinem Haus- die Spuren enden vor seinem Haus. Aus dem Haus stürmte er und folgt den Spuren.
Er ging ins Zimmer und wird Violine spielen.
14.7.08 09:24


Ein Spazierstock

gewidmet Robert Walser und demjenigen, der mich auf ihn aufmerksam gemacht hat.

Ich habe niemals einen Spazierstock zum spazieren ausgeführt: Ich besaß einen solchen niemals und nimmer mehr- selbst in meinen unbewusstesten Träumerein träumte ich eher vom Fliegen als vom Spatzieren mit einem Spatzierstock.

Dieses eigentümliche Verhältniss zwischen mir, der niemals einen Spazierstock besessen hatte, und dem Spatzierstock, der niemals in meinem Besitz war und darum nicht mein Spatzierstock jemals gewesen war, noch gehießen hatte, rührt, wie ich darüber sinniere, wohl aus einer Verstocktheit anderer Art. Ich war ein Wanderknabe in meinen jungen Jahren, rastlos marschierend, war ich eher auf einen Wanderstock- zu dem ich alerdings eine Bziehung hatte- angewisen, als auf die leichtfüßige Funktion eines Spatzierstocks.

Wenn ich gerade während des Erzählens ins Stocken gerate, dann aus folgendem Grunde: Mein Wanderstock hatte leider einen sehr zwiespältigen Charakter, und damit meine ich nicht nur, dass die Stadtwappen, von den Städten, durch die er mit mir- durch die ich mit ihm gewandert bin, westlich und östlich waren- er ist mir zerbrochen!
Ich bin darüber nichtmal traurig, da er viel zu grob und schwer war und er mich nur vom Kauf eines Spatzierstocks abhielt, da sein Anblick, seine durch Orden ausgezeichnete Würde, mir meine Schuld, die ich begehen würde, wenn ich ihn versetzen und mein Leben dem Spatzierstock widmen würde, vorhielt:
Doch nun zerbrach er in zwei Teile- ich bin daran zweifelsfrei unschuldig, es war ein Unfall, nichts weiter.
Nichts weiter!

Dort kommt ja die Frau von der Post in ihrer Uniform- was sie mir bringt?
"Ein Paket für sie" "Für mich?"
fragte ich sie, und sie sagte:
"Für 12 Euro Nachnahme"

Ich darf nun feierlich verkünden, dass ich Besitzer eines besonderen Gegenstandes bin: Mir wurde, nämlich durch die Post, ein Paket gesendet, dass, als ich es auspackte, sich als ein besonderes Stück Stock entpuppte.

Ich nenne es "mein Spatzierstock" und werde gleich, nachdem ich aus dieser zerbrochenen Tasse meinen Tee ausgetrunken habe, ins Freie hinaus treten, und aller Welt zeigen, dass ich nun auch stolzer Besitzer eines Spatzierstocks bin!
10.2.08 10:18


Fragment

Die Sonne war heiß- heißt: sie brannte einmal mehr auf meinen Rücken, als mit einer Temperatur, die für ihn vorgesehen: so lag die maximale Temperatur, dass er schön braun werde an den entscheidenden, sichtbaren Stellen, nur bei 25 Grad- bei einer Dauer von vielleicht 2 Stunden.
Ich aber, nachdem ich bis zum späten Nachmittag auf dem Bauch liegend gedöst hatte, überschritt das Limit meines hauteigenen Lichtschutzfaktor um das Vielfache.
Irgendwann, während die Pigmente schon rot vor Scham durch den Anblick der Sonne waren, wechselte ich meine Liegeposition, die Sandform, in die meine Glieder eingedrückt, den schönen Sommertag am Strand überdauert hatten
Auf dem Rücken, plötzlich, der durch den Wechsel in der Horizontalen nun der Unterlegene war, wurden mir die Folgen von zuviel Sonnenbaden ruckartig bewusst, denn schon saß ich aufrecht, einen Aufschrei mit zusammengepresster Lippe unterdrückend.
„Du bist knallrot“ sagte einer, der sich mit mir an den Strand gelegt hatte.
„Hm“, murmelte ich `bejahend´, weil der spontane Schmerzschrei war nicht bereits verschwunden, um einem vernünftig gesprochenen Satz Platz zu machen, sondern quasi sublimiert in eine rote Stirn, Nase, linke und rechte Wange, ergänzte den Sun brandy(leider ohne buntes Schirmchen) mit einem vor Wut verzerrten red head.
„Ich brauch eine Abkühlung“ sagte ich schließlich und lief ins Meer, um den Sonnenbrand zu löschen.
Als ich wieder heraus kam und mich hinsetzte, denn das Liegen und Ruhen konnte ich zunächst vergessen, öffnete sich die Strandszenerie für meine Augen: hatte ich diese eigentümliche Zusammenstellung von realen Elementen, alles das, was, was außerhalb der Imagination in Raum und Zeit war, etwa übersehen?
Mein Dösen hatte mich selbst zum toten Gegenstand gemacht, an sich, aber nicht für sich, der da war, aber dem nicht bewusst war, dass er da war, aber auch dort, von einem anderen Standpunkt aus betrachtet: von meiner Sitzposition war alles da und dort, und alles sah ganz anders aus als in dem Augenblick, dem letzten Augenblick, bevor ich am Morgen eingeschlafen war.
Da hatte sich eine Gruppe vom Zeltplatz zu einer lockeren Runde platziert und spielte „Mensch-ärger-dich nicht“, als ein Wüterich aufsprang und sich lauthals darüber beschwerte, dass gerade er und nicht blau von grün rausgeworfen wurde.
Ältere Kinder(um die 40) bauten Sandburgen mit größter Präzision und Handwerkskunst- mit Messer und Löffel und Schaufel und Eimer belebten sie die Baubranche, bildeten sie ein Weltwunder nach dem anderen nach.
Eine der großen Pyramiden stand gleich neben dem Tower in London und wetteiferte mit der chinesischen Mauer(wahrscheinlich dem Teilstück bei Peking) und dem Koloseum in Rom.
Hier wurde one-world im Ideal und „en miniature“ realisiert.
Henriette und Ingo kuschelten unter einem großen Feldstein, der, mit viel Vorstellungskraft, tatsächlich herzförmig war, wenn auch herzähnlicher dem menschlichen mit Kammer und Pumpe.
Zum Meer hin lag ein weißes Segelbrett, halb auf dem Strand, halb im Wasser, und sprach mich an, beinah wortwörtlich, wenn man die Zeichensprache der Dinge und ihrer Möglichkeiten versteht- Es fragte in etwa
.“Was starrst du mich so an? Möchtest du jetzt Boot fahren oder weiter gelangweilt am Strand liegen? Worauf wartest du eigentlich noch?“
Ich wartete auf eine „göttliche“ Erlaubnis, ein Wink von oben, der das bereits seine in der Zukunft liegenden Arme der Vorfreude nach mir ausstreckende Abenteuer offiziell-, von der höchsten Stelle bescheinigt, legal macht: Zwar hätte ein solches Zeichen die Sonne gewesen sein können, die sich gerade zum Zeitpunkt dieser metaphysischen Gedankengänge zeigte, wohl weil sie aus dem Hintergrund einer Wolke trat- jedoch ließ sich „die Sonne“ genauso wenig personifizieren wie, beispielsweise der Gott oder die Wolke, die ja an ihrer Stelle in Wirklichkeit das Maßgebende war- einzig hätte der Weltlauf noch den Schein einer „hinter der Wolke hervortretenden“ Sonne vermitteln können, doch die subjektive Langsamkeit der Sonnenbahn mochte sich nicht recht als Schablone der Erklärung über das Ereignis schieben- warum es plötzlich heller werde.
Selbst die Wolke konnte nicht mit letzte Sicherheit behauptet werden, als selbst gesehen, da eben dieser Abschnitt des Himmels von einem grünen Sonnenschirm abgedeckt wurde, der zwischen zwei der großen Feldsteine steckte und meinem Körper künstlichen Schatten spendete.

Das war das Zeichen! Ich zog den Schirm aus den anliegenden Steinen heraus und befand mich schon mitten auf dem Wasser, ohne nass zu werden. Der grüne Sonnenschirm steckte in dem Loch, dass für die Segel bestimmt war und knickte am oberen Ende schräg ab.
So entfernte ich mich vom Strand, nahm einen exterritorialen Standpunkt ein und wechselte in die Totale-
Alles war noch da und dort, doch ich war hier und schaukelte leicht im Wellengang.
Noch hatte sich nicht viel geändert: Blau hatte inzwischen gewonnen(rot
ärgerte sich). Henriette ist von Ingo fortgegangen, um eine Brause zu holen, da ihr Mund ganz ausgetrocknet war- Ingo schlief. Und in Ufernähe errichtete eine alttestamentarische Bautruppe die Klagemauer.

Ich ließ mich treiben, denn die Maxime sollte doch lauten, heiter und entspannt zu sein: alle Sorgen warf ich über Bord und genoss wieder die Sonne, die mich kurz zuvor geneckt hatte.
Auf dem Wasser liegen und friedlich in den Himmel schauen.
6.1.08 19:02


Der gespringerstiefelte Kater

Rechts vom Tresen standen die leeren Bierflaschen- mitunter nur halb geleert, abgestanden seit einer Woche( sauber machen hielt man zumal aus hygienischen Gründen für überflüssig), so war denn die Luft auch angefüllt mit dem Hauch Hopfen; Beigemengt dezenter Tabakduft, in silbrigen Schwaden durchzog der den Raum, spielte mit dem matten Schein der gedämpften Lampen Seilspringen, Hulahupe, wenn einer der Besucher dieser schmuddeligen Punkerabsteige wieder Kunststückchen vorführte- elegant den Joint durchzog, dem ein Ring entsprang, höher steigend, bis zum Moment des Durchbruchs, wenn das Diskolicht die Bahn des Räucherringes kreuzte.
Figuren längst vergessener Märchen.
Und so hatte sich auch Aschenputtel im Laufe dornrösiger Jahre gewandelt wie Klassik zum Punk, wurde Beethovens fünfte „Rattattadamm“ zum RATATATATATATATADA, `PimmelmannFotzePimmelmannFotze“, zur zweitonalen Hammermelodie.
Aschenputtel- zur Schau getragene Verwahllosung- lag in den Armen ihres Märchenprinzen, dessen Haarzackenkrone in die düstere Untergrundatmosphäre stach. Sie hatte Netzstrümpfe, die mehr von nackter Haut sehen ließen, als sie über deckten- einen zerschlissenen Minirock, dem durch die gekonnte Handführung des Prinzen manch zauberhafter Anblick eines Tigertangas zu entlocken war, alte Jacke, bunte Haare, Nasenpiercing.
Ein Paar Schuhe- hoch geschnürte Stiefel, bei denen Gewissheit herrschte, dass in sie noch jedes Fußduo passte- also konnte auch Jede die passende sein. Es machte keinen Unterschied. Ob nun mit roten oder grünen Haaren, Im- oder Exportbier.
Die Mischung aus wummernder Musik, Alkohol und bunten Fetzen machte alle gleich im Rausche alternativer Unterhaltung.
Eine Figur entsprang jedoch einem anderen Genre, l'Opéra, angebunden an einer Eisenkette, der Kopf kam durch ein Loch im Brett hervor, daneben hingen die zwei Arme. Er stand auch steif im Raum und an ihm zogen die Scharen zappelnder Gestalten vorbei, ein Fels in der Brandung- das Licht im Dunkeln oder der Schatten in der Wüste- oder einfach derjenige, dessen Erscheinung an das Andere gemahnt, welches Furcht und Neugier zugleich auslöst.
Noch blieb er ruhig, obwohl der Klang klagender Töne in den Schallwellen der Musikboxen seine empfindlichen Ohren heftig reizte- hatte der Punk sie auf genau zwei Punkte reduziert, dem variationslosen Auf und Ab- und waren die Töne gleich ihm eingesperrt in ein beengendes Korsett, drangen sie zur Befreiung: Seine Ohren wurden ihr Anwalt.
Das Rechtssystem seines guten Geschmacks- die Rechte der Töne- war Vergangenheit.
Er konnte klagen- aber wen und wohin? Der Punkers Ohren waren verschlossen für derlei Befinden, getönte Haare, aber im Dauerrausch kaum noch fähig zur Unterscheidung von Ton und Geräusch, geschweige denn einer Melodie: Es machte doch nur immer weiter Ratatatata, Pogo hieß der Tanz und sie schubsten sich im preußischen Vier Viertel Takt, der Schlag auf Eins und Drei, rammten ihre mit Nägeln bestickten Körper aneinander- Spikes- und trafen dann und wann, im Einvernehmen mit dem Lauf des Märchenballs, seine Arme, den Bauch, das spindeldürre Männchen aus anderer Epoche. Die Ketten, an denen er hing, rasselten. Nur von der Gewalt des Saales erst bewegt, zerrten sie an seinem verstand, trieben seine Gedanken in die Ecke.
Und während der Scheinwerfer seine Runde zog, und eingesperrt wie er selbst, seine Gedanken verzweifelt gegen die Übermacht einer unbenennbaren Kraft ankämpften ,- ein Nichts- eine Leere, ein Hin und Her wie das unsägliche Strandspiel `wirf mir den Ball zu, Papa`- die Wiederholung des Immergleichen, stets Bekannten- traf ihn das Licht: Grell blitzte es in seinen Augen auf. Ein Funken entsprang ihnen, und aus voller Kehle riss sich ein Gedanke los von den Ketten, entsprang seinen spröden Lippen- floh vor dem Nichts, ein Augenblick, ein Ohrentakt vor dem vor dem Tod ,- entwischte er ihm und bekundete lautstark:
„Va`Pensioro – sule`ali dorate – Flieg Gedanke, getragen von Sehnsucht, lass dich nieder in jenen Gefilden, wo in Freiheit wir glücklich einst lebten, wo die Heimat unserer Seele ist“.
Le Tenore erhöhte die Stimme und traf den wunden Nerv-
Nabucco war Dissonanz zum Punk im Akkord.
In den tiefen der Zwerchfell und Magenluft geboren, stürzten die verzweifelten Töne in den Kampf mit den monotonen Kriegern der marschierenden Armee, die ihre Kommandos durch den Raum feuerte:
Bullenschwein, Bullenschwein.
Pflasterstein, Pflasterstein, dass muss sein. Das muss sein.
Der Kampf aber war doch schon vorweg entschieden. Eine Melodie, die zart anklagend ihre Botschaft übermitteln möchte, stößt bei tauben Ohren auf taube Ohren.- sie hatten sich von ihren Ketten gelöst, aber wo sollte die Heimat ihrer Seele sein, wo sie in Freiheit klingen und ausklingen könnten- in der Wüste? Aber wohl kaum in einer derart krass dezibelen Umgebung, und auch nicht in einer utopischen Nation, Tonalien oder im Musikantenstadl- es waren einzig seine Ohren, die seiner Stimme ein letztes Exil gewährten.
Doch er verstummte nicht- er trällerte den Gefangenenchor mutig weiter, einige schale Blicke riskierend(die ansonsten wieder an schalen Bieren hafteten), und noch abseits im Dunkeln der Rauchschwaden, trat der Prinz aus dem Nebel hervor. Erhaben baute er sich vor dem Gefangenen auf, führte sein stolzes Ross an der Leine, dass auch gleich zu bellen begann.
Fabelhaft: Denn der kläffende Tonfall des Prinzen schien einem Versuchstier des Pawloschen Reflex nachgeahmt zu sein:
„Spießer“
„Ich?“
„Ja, du!“
So entwickelte sich ein spannender Dialog zwischen dem irokesischen- oder ironiesischen? Prinzen, der dabei mächtig auf den Hund gekommen sein muss, und dem unschuldigen Gefangenen, der auf den „Spießer“ kommen sollte.
„Ich?“
„Ja!“
„Warum das?
„Ich gebe dir gleich Warum das“
„Alkoholfrei?“
Da setzte schon die Bestrafung für ihn ein, und der Prinz folterte ihn, rammte ihm die Spikes in den Bauch, kurz über dem Nabel, ließ aber nach einigen schrillen Tönen ab von ihm, zog seinen Hund hinter sich her und ging von Dannen.
Da klingelte eine kleine Eieruhr auf dem Tresen, und eine hagerer Kerl, Wirt und Gnadenrichter vereint in einer Person, holten den bronzenen Schlüssel aus seiner Schürze hervor und befreite den Unglücksraben von seinen Fesseln, das Brett, in dem der Kopf steckte, fiel ab, die Handschellen, kurz um, er war ein freier Mensch.
„Zwanzig Minuten sind um! Da hast du dein Bier- und das hast du dir redlich Verdi-nt, mein Junge“

Er öffnete das Bier, setzte die Flasche an und stolperte, über schlafende und erbrechende Trauerfiguren, wie dem gespringerstiefelten Kater(am nächsten Morgen) hinweg , aus dem dunklen Märchen.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann singt er auch noch heute.
(Nächste Vorstellung um Acht, im Konzerthaus in...)

Ende
6.5.07 15:46


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