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Erzählungen

Der Korb voller Äpfel

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Der Zeiger der Uhr zeigt die Zeit an.
Vergehen: Urplötzlich vergangen.


Wir saßen unter einer Linde – frisches Laub rankte sich über uns zu einem Schattendach empor und tauchte uns in gedimmtes Licht. So verdeckt wähnten wir uns der Mithörerschaft ledig zu sein. Obgleich wir keinem Geheimnis die Weihe gaben, sondern nur lauschten, was sich frei heraus ergab, zögerten wir nicht, diesen intimen Moment zu loben.
Ich sagte, dass wir hier so beieinander sitzen ist ein Glück.
Wohl wahr, entgegnete sie und wir überließen uns wieder dem Treiben sorgloser Gedanken.
Und wie sie trieben, nickten wir einander zu und gedachten der Zerbrechlichkeit jener kurzen Zeit des Einverständnisses. „Ein falsches Wort“ flüsterte ich und sie ergänzte „ist es dahin“.
Der Stille kurzer Eintracht – mag sie Stunden währen – erwächst aber von allein ein Drang von Mitteilsamkeit. Ich suchte nach Worten, die das neu entstandene Bedürfnis gebührend einzuleiten vermochten, und als ich zögernd etwas zu beschreiben versuchte, gab sie meiner Erzählung Nachdruck mit den Worten, du, das klingt ja nach einer Geschichte.
„Ganz recht, ich möchte dir eine Geschichte erzählen“
Meine Hände begannen ihr Spiel, das Erzählte zu begleiten und ich begann:

Diese langen Sätze. Ich quälte mich durch Schachtelsätze, und brütete Frust aus, weil ich nicht verstand. Er gab mir den Rest – Hegel. Und ich ging, dem Glanz der Abendsonne entgegen, aber ohne rechte Lust, noch irgendwo zu verweilen Eine romantische Weinstube lud auch nirgends dazu ein ( wofür mein Geldbeuten auch nicht das richtige Maß hatte).
Das Verweilen, unterbrach ich meine Erzählung kurz, das unser Glück an diesem Orte ausmacht. Sie nickte mir verständnisvoll , bezeugte aber mit einer ungeduldigen Geste, dass ich meine Erzählung fortzusetzen hätte.
Das Langeweilen entspringt womöglich der Unfähigkeit, zu verweilen. Besonders jene trübe Langeweile, die man in den Abend mit hinein schleppt. Ich suchte beim Abgehen des Bürgersteiges hin zum U-Bahnhof nach Zeugnissen des glückvollen Verweilens. Einige gab es, war ich überzeugt. Doch wollte sich das Gefühl, das ich suchte, nicht recht bei mir einstellen.
Ich hastete unbemerkt. Ein ereignisloser Tag muss es gewesen sein. Schließlich stand ich in der Mitte des kleinen Vorplatzes des U-Bahnhofes, von dem man über eine Treppe die tiefer liegenden Gleise erreichen konnte, und geriet in einen nachdenklichen Zustand. Ich beobachtete die Zeiger der goldenen Uhr an dem Bahnhofsgebäude: Der Zeiger der Zeit zeigt also die Zeit an, dachte ich, welches Verbrechen mag sie wohl begangen haben?
Zeit ist nicht die Weile – eine Weile hat unbestimmte Grenzen, der Vokal am Ende des Wortes steht dafür ein: sie ist – noch ein kleines bisschen mehr. Die Zeit aber trennt, „t“, wie das Klacken der Zeiger die Zeitpunkte, hart und eindeutig.
Sinnierend vergaß ich die Zeit und verweilte. Hören und Sehen zogen neue Streifen durch den Raum und hielten Ausschau. Weitblick, das Ferne heran holen. Das Nachlassen der Sinneszucht trug zu einem Ziehen bei, wo sie hinwollten, zogen sie mich mit. „Aber ich muss dennoch der Zeit gedenken, auch wenn ich sie dir vertreiben möchte. So lass mich nun zu der eigentlichen Geschichte kommen und verzeih mir, dich warten gelassen zu haben“.
Vor einer niedrigen Backsteinmauer, die vom Bahnhofsgebäude abging, stand ein wettergefärbtes Weidenkörblein, das in einem Märchen wohl ein altes Mütterchen stehen gelassen hätte. Darüber ließ eine gebeugte Birke ihre Äste hängen, was ein hübsches Blätterwerk ergab. Ich ermunterte mich zu einer Idylle, deren Mitte der Weidenkorb sein sollte. Ich stellte ihn auf die Mauer, mich setzte ich hinzu und spielte mit den Augen, indem ich die Bahnen des Weidenflechtwerks kreiselnd entlang fuhr.
Meiner Phantasie traute ich mehr zu: Hochgenuss, ein Früchtekorb musste her, voller herrlich gelb leuchtender Äpfel. Wohl an, das ist ein Schmaus, und solange ich mich von vorbei ziehenden Passanten unbeobachtet fühlte, griff ich zu, biss und schmatzte genüsslich.
Die Idylle hielt eine Ewigkeit – wie lange? Fünf Minuten können es höchstens gewesen sein, aber ich dehnte sie zu einem langen, gelungenen Frühlingstag aus.
Da ereignete es sich – anders vermag ich es nicht zu bezeichnen. Ich hielt noch einen Apfelgriebsch in der Hand, als mich ein fremder Blick streifte. Verwundert erwartete ich angesprochen zu werden. Sie aber ging weiter und ließ mich in Ruhe. Wie ich mich jedoch allmählich wieder in meinen beschaulichen Zustand einpendeln wollte, stand sie vor mir und fragte „warum sitzt du dort vor einem leeren Korb?“. Ich versuchte ihre überraschende Erscheinung für mich zu fassen, aber sie ergab kein stimmiges Bild für mich. Sie wirkte außerhalb von allem, weniger vielleicht aus bewusster Entscheidung, so wie ich mich entscheiden hatte, außerhalb der Zeit sein zu wollen. Ihre Kleidung aber, ihr gesamter Habitus, wirkte unangepasst und kindlich, als wolle sie einem naiven Zustand des Lebens niemals entkommen. Das sagte der Teil in mir, der alles ins rechte, gewohnte Bild setzen muss: Er wunderte sich über ihren Pullover mit aufgestricktem Teddybärchen-Motiv, über ihre Augen, die nicht fixiert wirkten wie jene derer, die mich am Rande ließen, um zur Bahn zu eilen. Zuerst dachte ich gar, sie sei blind. Es antwortete aber die Idylle in mir, die sagte:
„Welch schöner Abendschein ist´s, dachte ich mir, und stellte mir dieses Körbchen voller Äpfel vor mich hin, um es zu bewundern. Mehr bezweckt mein Sitzen hier nicht.“ Darauf fragte sie knapp, ob ich keine Freunde hätte.
„Hast du keine Freunde?“ Und ob, erwiderte ich nicht weiter verwundert über ihre Frage, obgleich etwas diese Antwort dem unstimmigen Bild von ihr hinzufügen musste, nur, um diese Einschätzung nach Art zu erwartender Handlung gleich wieder zu vergessen.
„Und ob, ich habe sogar mehrere Freunde. Meine Freunde bleiben aber hoffentlich auch meine Freunde, wenn ich es einmal vorziehe, allein im Abendschein zu sitzen. Dort steht ein Korb, den ich fand, und ich füllte ihn mit diesen herrlichen Äpfeln. Mein Appetit findet deswegen keine Ruhe, und immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich mir einen schnappe. Gerne bist auch du eingeladen, diese Früchte zu verköstigen.“ Diese Worte ließen sie lächeln, aber sie ging vorerst nicht auf mein Angebot ein. Ich hatte ihre Neugier geweckt und sie wurde rasch vertraulich: Sie selbst, sagte sie mir, habe keine Freunde, weil sie noch mit Puppen spiele, obwohl sie eigentlich schon zu alt dafür sei. Ich redete ihr zu, sich für ihre Leidenschaft nicht zu schämen: „Ich spreche noch mit Kuscheltieren, bevor ich schlafen gehe, und habe auch Freunde gefunden.“
Sie näht Kleider für ihre Puppen. Mag das Spleenige darin zuerst abschrecken, so zeigt es einen Sinn für Zärtlichkeit, und sei es für Unbelebtes – die bleibende Fürsorge darin aber gilt Belebtem, und die Puppen sprechen und empfangen mehr Liebe als so manches Kind. Ich war gerührt.
Wir sprachen noch eine Weile in diesem Sinne, stellten naive Fragen und lernten uns kennen, lernten miteinander die Sprache des verweilenden Augenblickes zu sprechen. Wir kamen aus anderen Galaxien, lebten auf verschiedenen Planeten, aber unsere Trennung hörte in jenem Moment auf, als wir beschlossen, sie zu ignorieren. Taten wir das denn? Begann nicht vielmehr Verborgenes auf uns aufmerksam zu werden? Vereinendes?
Eine letzte Frage wollte sich mir schließlich entwinden. „Dein rechtes Auge – „ „Ja, was ist damit?“
„Ist das ein Glasauge?“ Aber nein. Es war so seltsam gemustert. Dürfte ich es näher betrachten?
„Gerne“
Ich begutachtete es wie einen Juwel, denn dieses Auge dort war einer, gewiss.Die Iris war gecheckt, in eine gleichmäßige Abfolge dunkel- und hellbrauner, fast gelber Streifen unterteilt. Was ich für ein Glasauge hielt, war ein kleines Wunderwerk, das die Natur an ihr verrichtet hatte. Es sah aus wie das Muster eines Regenschirmes. Ein Regenschirmauge. „Dein Auge ist sehr schön- Ich habe noch nie ein so schönes Auge gesehen. Auch deine Art, frei auf mich zuzugehen, finde ich sehr reizend. Wenn du mir erlaubst, dir noch etwas zu sagen, dann nur dieses, dass eine junge Frau, wie du sie bist, irgendwann sehr bald Freunde kennen lernen wird, die das selbe feststellen werden wie ich – dass du ein schöner, liebenswerter Mensch bist.“ Wir verabschiedeten uns. Sie war schon fast verschwunden, als sie umkehrte und fragte – „Kann ich mir vielleicht auch einen Apfel nehmen?“
Ich zeigte auf den Korb und forderte sie auf, sich den für sie schönsten zu nehmen. Sie beugte sich über ihn, musterte die Äpfel und fragte schließlich, ob sie diesen da haben könne.
„Eine gute Wahl, lass ihn dir schmecken“. Und indem sie genüsslich in den für uns gelb leuchtenden Apfel biss, entfernte sie sich – winkte, ich winkte, wir winkten und war verschwunden.

„Das war deine Geschichte?“ fragte mich meine gute Freundin. „Ja, alles hat sich derart ereignet.“
„Eine sehr schöne Geschichte.“ Woraufhin wir uns erhoben und noch plaudernd den Platz unter der Linde verließen.
6.5.12 19:38


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Liebe- wie viele Verse musste dieses Wort in der Geschichte der Schrift schon leiden? Ein jeder, noch kaum des Lesens und Schreibens mächtig, versuchte sich an ihr, und viele stieß sie, die Unberechenbare, mit verbrannten Fingern wieder ab. Und doch verzaubert ihrer Dichtungs Höhen Massen schwärmender Geister- und diese brechen ja bekanntlich am 14 Februar selbst zu Höhenflügen auf.
Der Valentinstag- und der Rummel um die 24 Stunden in Eros Gewalt(im eher ungemütlichen Winter) ließ dieses Jahr auch Marius nicht kalt. Er erwärmte sich für die Liebe bereits vor einigen Wochen, als er auf eine Zeitungsannonce mit vielversprechendem Inhalt aufmerksam wurde:

„Schreibe ein Liebesgedicht als Sms zum Valentinstag und gewinne eines von 5 Mobilfunktelefonen. Maximal 220 Zeichen...“

Ein neues Handy für eine blumige Liebeserklärung- dass wäre doch machbar. Mehr noch, Marius fand diese Idee außerordentlich ansprechend. Hatte er doch sein Handy gerade verloren- wohl am Rand des Schwimmbeckens; Es könnte auch noch in den Umkleidekabinen sein, vielleicht auch im Bus zur Schwimmhalle- oder aber es lag mal wieder unter seinem Bett. So investierte er eine halbe Stunde geistiger Arbeit, strich hier ein Wort weg, ergänzte dort eine Zeile, reimte und zählte ab auf 217.
Senden?
Nachricht gesendet!

Dein Herz in meiner Hand,
ist nimmer mein,
du borgst es mir,
verdank ich dir,
dass ich das Liebste fand?

Könnt es der Gleichklang sein,
der`s Pochen lässt
wie Amors Lied,
und ich geriet
vor Freude außer mich.
Dein Blick gab mir den Rest,
mein Schatz, ich liebe dich.

Liebe lohnt sich also doch. In Form eines roten Handy, das Marius nur eine Woche nach dem Einsenden des Gedichts in seinen Händen hielt. Seine Finger- sie wussten es sehr schnell zu bedienen, und ertasteten sich durch die Funktion der „Spiele“ - Marius stellte bald erste Rekorde auf- der „Töne“, und er konnte es kaum glauben, Mozarts Anfang der Kleinen Nachtmusik tatsächlich als Musik wahrzunehmen, denn als mechanisches Mono Ton Stück- bis er, Wunder der Technik, die Klappfunktion entdeckte und das Ding zur Seite legte!
Zum selben Moment klappte noch etwas anderes auf:
„Dein Kaffee, Marius“
Seine Mutter schlängelte sich durch das Zerwürfnis seines Besitzes, überging so nebenbei Meilensteine der Weltgeschichte(Hard Cover) und Die abendländische Philosophie(320 Seiten, illustriert), wie sie ihm, wider aller Vernunft Erkenntnis, ihm, Marius, eine halbe Stunde vor Zehn Uhr Abends, den 13 Februar, eine Tasse Kaffee auf den Tisch stellte. Eine Tasse, an der er zunächst nur vorsichtig nippte. Schon bereitete er ein inneres Tadel für seine Mutter vor, aber beim Feststellen des Süßegrades war er durchaus zufrieden- sie wusste, wie er es mochte. So trank er denn, halb vor zehn, Abends, und die Tasse leerte sich- und in diesen Minuten der stillen Askese, in denen er sich vollständig in den braunen Fluten verlor, die seine Speiseröhre hinunter flossen- kaum zufällig tauchte das Bild eines afrikanischen Sees in Marius Kopf auf- betrachtete er auch die Tasse in ihren Eigenheiten.
Es war nichts besonderes weiter an ihr: Rot, dass ihrer Form ein Apfel aus dem Märchen glich, doch nicht grimmiger Schlaf, Wachheit war ihr Zweck- „Gefällt dir die Welt?“ stand daher auch in schwarzen, schnörkellosen Lettern am oberen Rand, der hinein führte in die kaffeeanischen Tiefen.
„Ja“ flüsterte Marius.
Er trank etwas hastiger, der Kaffee war gerade wohl temperiert, wieder las er, und antwortete er.
Gefällt dir die Welt
„Ja, mir gefällt die Welt. Sehr sogar. Manchmal mehr, manchmal weniger, manchmal könnt ich sie zertreten-„
er sprang, erregt und angeregt vom Koffein, auf den Schreibtisch, seine Tasse war fast geleert, legte eine Compact Disc in den Musikspieler auf dem Tisch ein und- Mozarts kleine Nachtmusik, in Polyfon Ausgabe, schallte und umgarnte seine Ohren.
Gefällt dir die Welt?
Der Grund der inzwischen ausgetrunkenen Tasse ließ durch den braunen Bodensatz, deutlich und wieder in schwarzen Buchstaben, durchleuchten:
Du bist ihr Held!
Erfüllt von den Worten schwang er zur Bestätigung einen Holzlöffel durch die Luft, diriegierte das mozartische Orchester im Takt des Spaghettimonsters, dessen Blut, rote Tomatensauce, sich noch ansatzweise an dem Löffel befand.
Er überbrückte gut dreißig Minuten- Marius verstand es gut, sich die Zeit zu vertreiben: Doch während er noch kindisch durch sein Zimmer tollte, sprang der Zeiger der Uhr von Sekunde auf Sekunde.
`Tick, tack, tick, tack` und wie dieser wanderte auch sein Auge durch den Raum, planlos aber von einer Ahnung getragen, die einer in Vergessenheit geratenen Sache geschuldet war. Sein Blick durchfuhr minutenlang das Archiv seiner über Jahre gestauten Gegenstände, und es waren etliche Schichten dieser, die er durchdringen musste: Staublagen in länger nicht besuchten Regionen deuteten noch die Fülle, die ihn überfiel. Zwischen all diesem, gestammelte Werke, zerbrochene Träume, langjährige Lasten, steckte die notwendige Assoziation:
aber ja. Er sah das rote Handy, und wie es aufblitzte, 13. Februar, eine Nacht vor dem Tag, dem er doch schon etwas zugesagt hatte. Da erinnerte er sich wieder an den frostigen Donnerstag Nachmittag, und nur kurz leuchtete seine kritzelige Handschrift in Gedanken auf.
0162/43177888843.
Freudig hielt er den Zettel in der Hand, auf dem er einst noch den Namen hinzugefügt hatte: Annika.
„Liebe Karin, ich wollte dich fragen, ob du...Nein“
„Annika, hättest du nicht Lust morgen, ich meine also, ähm, Ja, hast du morgen schon was vor, denn dann hätte ich dich gefragt, mit mir- NEIN, NEIN, NEIN!“
In Rage- , trotz ihres wohlwollenden Zuzwinkerns bei ihrem letzten Treffen getraute er sich nämlich nicht, die Nummer einzugeben und das schwierigste vielversprechende einfach zu sagen, mutete er seinem Fuß die Gegenkraft einer Schranktür zu. Noch im Aufschrei über den stechenden Schmerz, hüpfend auf dem einen, heilen Bein, wiederholte er die Nummer „0162“, erschienen die Zahlen auf dem Bildschirm des roten Handy.
Dann drückte er den grünen Hörer, um nur sofort wieder aufzulegen, wissend, dass es jetzt passieren musste, oder er konnte eine weitere verpasste Chance auf sein Konto der ungenutzten Möglichkeiten verbuchen.
Würde er es wagen, was konnte schon passieren? Wahrscheinlich wieder die übliche Kette von Ereignissen- vielleicht eine romantische Schwärmerei am Strand, ein schöner Tag auf Flur und Wiesen, über hübsche Grade wandeln mit der Einen, die er zum Abend hin begleiten darf, um das Ganze in unvergessliche Peinlichkeiten münden zu lassen. Nein. Wieder verschwand die Nummer von dem Display, und das Handy klappte zu.
Saß er aber wieder, im lähmenden Schlummer des Aufgebens auf seinem Stuhl, schreckte die rot glänzende Fratze des mobilen Telefons seine Gedanken, seinen Körper auf- das anhaltende Leuchten der Tasten wie die Lichtreklamen auf den `Straßen der Nacht` von Millionenstädten, gleich diesen das unablässige senden einer Botschaft, und sei es die, das uneingelöste Versprechen, Karin auszuführen, zu erfüllen: 0162.
„Marius“, sagte die Mutter, die wohl ohne anzuklopfen die Tür und damit die Pforte zu seinen intimen Gemächern geöffnet hatte. Sie machte aber keine abfälligen Bemerkungen über das wüste Chaos, nur eines schien ihr wichtig zu sein, Marius das Telefon zu übergeben: „Telefon, für dich“
Er nahm seiner Mutter das Telefon aus der Hand, die sie dann zurückzog mit der Klinke der Tür; In den Sekunden, die von dem scheppernden Schall des Zuschlagens der Spannung stieg mit jeder Verringerung der Distanz zum Ohr.
Die Drähte der Telefonleitung hielten stand, doch am anderen Ende tat sich keine Regung der Stimmlippen- auch ihm steckte das erlösende Wort „Hallo“ in der Kehle , und als er es dann herausbringen musste (- sonst wäre die ewige Zeitspanne seines subjektiven Empfindens objektiv geworden und dem anderen, der ja auf den Wechsel des Telefonpartners atemlos warten könnte, bewusst geworden als zögerliche Pein-), sagte Karin schon in schüchternem Tonfall: „Hallo Marius“
„Hallo, Karin“ und während die nachtragenden Worte sich lösten, fielen sie nicht etwa in ein sanftes Bett zu Boden einer tiefen, selbstsicheren Stimme, sie schossen nach oben, als seien die vier Silben `Hallo Karin´ ein Dreiklang mit Vollendung, die aber gleich noch eine Oktave weiter sprang.
Nachdem die Floskeln getauscht wurden, jeder der beiden erfahren hatte, dass es dem anderen gut gehe, führte die Frage, ´warum rufst du an` zu einem weiteren Gesprächsstillstand.
Karin zögerte die Antwort heraus.
„Es ist nämlich so“ fuhr Marius fort „ dass ich dich auch eben anrufen wollte“
„So, und warum wolltest du mich anrufen?“
Marius erinnerte sich an den Wetterbereicht, der schönes Wetter versprach, dass den Februar nicht ganz zu seiner winterlichen Geltung brachte- „Sonne“.
„Ja? Sonne?“
„Die Sonne scheint morgen, meinte ich. Man könnte doch an diesem sonnigen Wintertag, morgen, in Erfahrung bringen, ob es vielleicht schon Erdbeerreis im Café an der Parkstraße gibt“
„Das Café in der Parkstraße wird wohl das ganze Jahr über Erdbeerreis führen! Die Frage ist nur, warum man morgen Erdbeerreis essen sollte?“
„Weil, dachte ich, man ja...“ „auch Schokoladeneis essen könnte“, warf Karin ein.
„Ich mag kein Schokoladeneis“ antwortete Marius- doch was hatte er gesagt? Ihr Hinweis, Schokoladeneis würde ihr `schmecken´, etwas, dass sie gern hatte, wehrte er ab mit: schmeckt mir nicht`, als ob das wichtig wäre.
„Magst du nicht?“ Ich auch nicht. Vanilleeis finde ich auch viel köstlicher“.
„Mit Streusel und Sahne?“
„Ja“ antwortete Karin und er zog diese Antwort wahrlich wie das Aroma von Vanilleeis mit Streusel und Sahne, so süß hatte sie gesprochen und seine mangelnde Empathie überhört, durch die Ohren, als wären sie die Nase.
„Jedenfalls wollte ich dich fragen, ob deine Zeit morgen noch frei ist, um den Tag mit mir zu verbringen- nur, wenn du dazu Lust hättest, also falls du nicht bereits etwas besseres vor hast, womit ich fast rechnen muss bei einer so viel beschäftigten Person wie dir“
„Marius“ entgegnete sie, „ weil ich ja, wie du dich sicher erinnern kannst, diejenige war, die angerufen hatte- „ja, stimmt, ich erinnere mich“ „müsste dir vielleicht aufgegangen sein, dass ich eine ähnliche Frage an dich stellen wollte.
Marius?“
„Ja?“
„Hast du morgen schon was vor?“
Da sang der Chor der kleinen Engelchen, die torkelnd von der Decke sanken, die Ode an die Freude, und die Götterfunken der Strahlen seiner Lampe drangen tief in seine Augen. Sie griffen ihn, der sich noch, schon ohnmächtig vor Freude, rasch verabschiedete, und trugen ihn in träumende Gefilde. Dort legte sie die Gestallt, die noch die Züge von Marius trug, aber schlapp in den Armen der Engelchen hing, auf eine blumige Wiese unter einem sonnigen Himmelszelt. Bald steigen sie wieder zu diesem Himmel und streuten Blumen hinab über seinen schlummernden Körper, ein Blüten Frühlingsregen als Abschied.

Im Augenblick seines Erwachens mischten sich die Eindrücke(- die aber nicht nur von der Mannigfaltigkeit der Wiese herrührten, sondern aus allerlei Einzelteilen unterschiedlicher Art waren, von solch unterschiedlicher, das Vergangenes, auch das just Geschehene und nur noch als vages Gefühl vorhandene, im gleichen Akzent wie das sinnliche Gegenwärtige wirkte- der Akkord von `Jetzt, gerade eben, und Damals-) zu einer Farbe, die sich ins rote Spektrum bewegte und gleich einer jener Modebrillen, die zum Spaß des sinnlichen Vergnügens das triste >Grau so mancher Straßenzüge übertünchten, über seine Augen gelegt schien. Doch verflüchtigte sich bald dieser Farbton, denn schon nach den nächsten Augenschlägen war die Verwunderung da: wo war er gelandet? Aber auch `wo war er gestartet`? Und wer war `er` überhaupt- so sehr ihm die Antwort all dieser Fragen auf der Zungenspitze zu liegen schien, war er nicht fähig zu sagen: Ich bin Marius.
Das dieser Name als Oberbegriff wenig taugte, war das einzige ihm Bewusste. Als ob das Etikett „Tomatenmark darüber hinweg täuschen möchte, dass auch das Fließband, die Erntehelfer, andere Zutaten, der ganze Produktionsweg einer Dose, Blech und Papier, in der Dose stecken.
Marius, das klang ihm fremd und weit wie Tomatenmark made im Orion.
Er erhob sich aus der Form, die sein Körper in die Wiese gedrückt hatte und versuchte, bevor er seine verlorene Identität wieder finden wollte, erst einmal zu gehen, und, - nachdem seine Beine erst das Laufen neu gelernt hatten, herauszufinden, wo er sich nun befand: Die Wiese glich einem getreuen Abbild jener Landschaftsgemälde, die in die Wohnstube gehangen werden, um ein Stück der vergessenen Vielfalt in das Haus zu holen, das dort ein armseliges Dasein fristet, als Puzzelstück eines musealen Wohnraumes, in dem kein Ding eines phantasievollen Gedankens gewürdigt wird, aber auch keines seinen Platz verlassen darf, weil es sonst die gewohnte Komposition à la Tante Ernas Welt durcheinander bringen würde.
Oft drang aber auch aus solchen Gemälden die Gegenwart von Figuren hervor, das Motiv des Sonntagsspaziergang oder des Träumenden, wie auch er hätte eine oder einer sein können. Die Gräser gingen auseinander, sowie er durch sie hindurch glitt, an die zwei Kilometer, ohne das sich das Bild einer ihm gar nicht mehr so farbenprächtig und mannigfaltig vorkommenden Wildwiese sich geändert hatte. Doch so schwer ihm das Laufen wurde, er wollte sich nicht ausruhen, nicht bevor ihm ein Wechsel aufgefallen wäre, der ankündigte: Hier ist Antwort. Dazu kam es nicht, und erst nach Stunden des ersten Schwächegefühls setzte er sich nieder. Er fand seinen Platz auf einem Stein, einem merkwürdig geformten Stein, der aber so weich war, dass er ein Teil eines Baumes sein konnte, dessen Holz wer weiß wie in die hohen Gräser und Sträucher dieser Wiese gekommen war, noch weicher, als würde sein Körper sich in das Fleisch eines schlafenden Tieres drücken, oder gar eines Menschen.
19.4.08 11:57


La vie vol.2

Da sie mir die Zeit knapp gönnen- Sie?- der gegängelte Schulalltag, ist diese Erzählung auch wieder erst im Anfangsstadium, enfaltet aber schon ihre vollen Reize.
Am Anfang war das Wort? Oder die Tat, oder... La vie.

La vie

I hate mondays- wie sich Modemarotten selbstständig machen können und ihre Botschaften zufälligen Betrachtern immer wieder ins Gesicht schlagen. Das waren jene Sprüche, die , mit wechselndem Inhalt, seit einigen Jahren auf den Pullovern und Hemden einer ganzen Schülergeneration prangten. „Tussi“, „Motherfucker“, „Dummchen“- , , .
Und: Ich hasse Montage!
Da hatte sie ja recht, aber musste sie denn meine letzten schönen Erinnerungen an das Wochenende durch ihre innere Einstellung zum „Tag nach Sonntag“ vermiesen? Denn so überwältigte mich auch die dunkle Metaphorik, die nach dem schönen Tag der Sonne die Nacht und den Mond Tag folgen ließ.
Wahrlich fühlte ich mit ihr, aber ich brauchte es mir deswegen nicht ständig wieder bewusst machen:
Wie sie dort saß mit ihrem Sprüchle shirt, leicht zu verstehen ihre Wut- angespannt Stirn und Hand, krampfhaft kampfhaft führte sie ihren Füller gegen das leere Karo Papier und gegen die Matheaufgaben. Dabei waren Quadratische Funktionen und Exponentialfunktionen sicher nicht ihre Stärke: Dafür wanderte ihr Blick all zu oft nach links. Und nach rechts- zu mir, und als sich unsere Blicke trafen, stellte ich erschrocken fest, dass ich auch Montage hasste ,- und Mathematik Testate: Mein Blatt war ja auch leer! Die Arme des Funktionsgraphen wuchsen mir über den Kopf, und umschlungen meinen Geist. Jetzt war auch ich gezwungen, obwohl ich nur ein einfaches rotes Baumwollhemd trug, ohne jeden tiefsinnigen Gedanken als Leitspruch, nach rechts zu schauen:
I hate numbers. Die Acht, Sechs, Neun und Null lachten mich aus. Wenigstens die Eins hielt ihren Mund.

1. Erstens: Gehe Sonntag Abends nie zu spät in dein Bett!

Ich gab das leere Papier ab, eine wirre Zusammenkunft betrunkener Zahlen, die mehr mit meiner Bierrechnung am Samstag Abend zu tun hatten, als mit der Lösung der gestellten Aufgaben. 45 Minuten dauerte diese Stunde.
Danach hatten wir: 45 Minuten, na?
Mathe.
Erdkunde. Deutsch. Chemie- Krach bumm Beng- wurde ich zu guter letzt, nach einem misslungenen Experiment(ich hatte wohl Säure mit Base verwechselt) ausgebrannt in den Informatikunterricht geschleudert.

2. Zweitens: Verwechsle nie 1 und 0 bei einem Computer.

Ein binäres Chaos gab meinem Verstand den Rest- ich drücke mich lyrisch aus:

Der Zustand des Computers glich dem Zustand des Verstandes:
Erst kam der Kurzschluss, dann der Stillstand und zu guter Letzt-
Der Absturz.
Ich schaltete wie gewöhnlich nach einiger Zeit ab in der Schule, in den Leerlauf, von einer unbeschreiblich langwierigen monotonen Welle getragen: irgendwann wird jeder Moment gleich, und Deutsch, Mathe und Erdkunde nehmen die Farbe eines Grautons an, den irgend ein einfallsloser Maler auf die Hornhaut meiner Augen gekleckst hatte. Ich wollte fast sagen, ich bin blind. Hilflos trotteten mein Körper und Ich auch an diesem Montag von A nach B, Raum 304 in Raum 120, zur Bushaltestelle- von dem Ort meiner Schule, bewusstlos geführt durch eine Maschine, in das kleine Dörfchen, das stolz den Beinnamen –Da, wo ich wohne- führen darf.
Noch wollte ich mich aber nicht abfinden mit dem Gedanken, dieser Tag wäre wie jeder andere. Ich glaube nämlich nicht, jeder Tag ist wie jeder andere: Das halte ich für ausgemachten Selbstbetrug. Manchmal denke ich, es ist umgekehrt: Jeder Mensch ist wie jeder andere, und daher legt man sich die Ausrede zu, der Tag wäre Schuld und immer gleich.
Der Mond Tag. Der Dienst Tag. Die Sonne. Der Amerikaner. Die Maschine.
Ich? Ich suchte wieder mal ein Wort, wie ich es nannte: Eines, dass ich über den Alltag hin vergaß.
Nicht so, dass ich es nicht mehr wüsste, der Buchstabenlaut, sein sprachliches Pendant in anderen Sprachen- ich suchte im Übrigen auch die französische Version dieses Wortes, da sie mir besser klang- nicht das war es, was mir verloren ging. Ich meinte die Erfahrung, die dem Wort zu Grunde lag. Das, was das Wort „bedeutet“.
Sein Inhalt war mir nämlich abhanden gekommen, und ich trug nur noch die leere Hülle mit mir herum.
Eine Worthülse, wenn man so will.
Ob das denn nicht identisch wäre, Wort und Inhalt? Ich würde mit der Frage, etwas variiert, antworten.
Es ist nichtidentisch.
Und warum mich das interessiere?
Sie sollte es eigentlich interessieren, lieber Leser. Denn ich will ihnen hier nicht etwas halb gekochtes auf den Teller legen.
Ich suchte also den Löffel, die Sauce, das Fleisch und die Kartoffeln allemal, all das was man so benötigt für einen literarischen Text: das Werkzeug. Und wenn ich ihnen flüstern würde, dass dieses Wort im Prinzip alle Wörter umfasste? Sie würden mich auslachen und würden sagen, das Wort Wort umfasst alle Wörter. Touché.
Es- wird sich zeigen.
Da, wo ich wohne, dass war im Besondern ein Haus, und ein Zimmer. Es war ein Stuhl, auf dem ich saß, als ich mir langsam das Grau von den Augen putzte und das gekochte Essen meiner Oma vom Teller nehmend verputzte. Es war ein Stechen im Spargel mit der Gabel, noch dazu ein Schnitzel, eine Art paniertes nacktes Fleisch. Ich legte bald die Waffen nieder und fand meinen Mittagsfrieden durch zwei ältere Boxen eines Plattenspielers. Es war Frédéric Chopin persönlich, der sich dazu bequemte, aus seinem Seelenfrieden auszutreten(da man diesen örtlich immer noch nicht genau ausmachen kann - auf Grund fehlender technischer Mittel, mangelndem Verstand oder weiß Gott und/oder die Stringtheorie-, nehmen wir an, dass er sich entweder in der Kirche zum heiligen Kreuz in Warschau befindet- wo sein Herz aufbewahrt ist- oder auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris, auf dem sein Leichnam begraben liegt), um mir, einem vom Schulstress geplagten Brandenburger Schüler, einige zarte, romantische Weisen zu spielen. Chopin gab nichts vor, außer kaum etwas aussagende Standartnamen wie Klavierkonzert Nr.2 f-moll op.21 oder Klavierkonzert Nr.1 e-moll op.11.
E-moll und f-moll, fis-moll, cis-moll, ah- As-Dur. Die ersten Takte belebten meine Phantasie. Es ging noch weiter, die Melodie ersetzte nach und nach die monotone Welle, das Grau in Grau, und im gleichen Moment drangen die ersten Farben und Erinnerungen wieder in mein Bewusstsein. Genau: Der Tag sollte anders werden.
Ich wollte schreiben: „Nicht schreiben und dabei Lust, Lust, eine schreiende Lust zum Schreiben in sich haben!“ so Kafka in einem Brief an Felice Bauer, 1912. Das meinte ich. Lust zum Schreiben. Ich spürte Chopin, die abgedrängten Gedanken der vergangenen Wochen und Monate(in denen ich das Wort, besser seinen Inhalt verloren hatte- verloren gehabt zu haben glaubte) und so fuhr die Nadel des Spielers die Rillen ab, Runde für Runde, das ganze Programm. Ich brach auf. Eine Promenade, denn beim Wort Spaziergang wäre ich wieder einer allegorischen Beschreibung verfallen- so wie: Ich flog aus wie ein Spatz auf fleischigen Stelzen. Als erstes aber stieß ich gegen eine Wand aus schwüler Luft.
16.5.07 18:00


Ein Nachmittag mit Erika

So ein Ipod ist ja wirklich eine geniale Erfindung. Vor allem mit der shuffle Funktion, die immer für ungeahnte musikalische Überraschungen sorgt. Da war ich nun wieder, ich kleiner Spinner, packte mir einen Stapel Papier in meine Mappe, ein paar Bücher und den Geburttagssekt von Rotkäppchen, es ging ja auch irgendwie in den Wald. Dazu noch, es sollte doch alles perfekt sein, ein Sektglas, schnürte die Tasche und packte sie in den Korb meines blauen Ostdamenrades. Ich war auf dem Weg zu meiner Freundin, Erika heißt sie übrigens, fuhr die Alleen entlang und ein geradezu majestätischer Mozart betäubte meine Ohren. Da stand sie, Erika. Erika! Mit einer edlen Holzverkleidung, bestimmt Buche. Ich konnte nicht anders, zog meinen Schlüssel und steckte ihn in ihr Schloss, entkleidete sie und erblickte ihren 45-tastigen, schwarzen Körper. Ein Traum, eine Melodie, Chopin meldete sich auf meinem Ipod, es war ja ein so wundervoller Augenblick. Das war übrigens mein erstes Rendevouz mit ihr und ich war schon ziemlich nervös. Mein Opa half mir aber, er holte seinen alten Militärrucksack aus der Scheune, und machten es Erika darin gemütlich. Und schon fuhren wir kleines Liebespaar durch die spätsommerliche Landschaft meines kleinen Dorfes und hatten ein festes Ziel vor Augen- einen mächtigen Betonsteg vor dem alten Sowjetflugplatz mit Blick auf einen kleinen Waldsee. Die Musik shuffelte mir schon die passende Ambiente und spielte die Titelmusik von Doktor Shiwago, das erste Laub viel von den Bäumen und der Himmel bewölkte sich. Eine ordentliche Brise blies mir in mein Gesicht. Erika war auch ganz schön schwer und drückte mir in den Rücken. „Wir sind doch gleich da“ sagte ich gedankenversunken zu ihr und bog in den Wald ein. Ich stellte mein Fahrrad an einem Baum ab, holte Erika heraus und setzte mich auf den kalten Betonboden. Darunter lag das schilfbewachsene Wasser und prallte gegen die Stegmauer- ich schob meinen Hintern näher ans Wasser und zog die Schreibmaschine heran- sie grinste mich frech an, und wie am ersten Tag, als ich mich in ihr breites, alphabetisches Lächeln verliebt hatte, spürte ich wieder die Magie. Ich blickte über den See- auf der anderen Seite war ebenfalls ein Steg- sah aus wie eine Anlegestelle, ob da wohl eine Fähre angelegt hatte? Und dann standen dort, drüben, am andern Ufer ein paar abgewrackte Militärkasernen und genau neben mir erhob sich eine Steinpyramide. Wahrscheinlich ein Denkmal, mit ein paar kyrillischen Buchstaben unter einem Hammer und einer Sichel und sollte wohl soviel heißen wie: „zu Ehren der Roten Armee“ oder „In Erinnerung an unsere gefallenen Soldaten im großen vaterländischen Krieg“. Ich holte meine Flasche Sekt heraus, der Korken knallte, zum Wohl dem Soldaten der Sowjetarmee, hob das Glas und der Sekt lief über, mitten auf meine Hose. Scheiße! Und schon wieder Doktor Schiwago, nun der Arbeiterchor, der die Internationale sang. „Was sagst du dazu, Erika?“ Ich wollte endlich ihre Stimme hören, trank noch einen großen Schluck Sekt und spannte endlich ein Schnee weißes Papier in ihren vom Schmieröl flammenden Körper. „Du willst es doch auch“ Ich drückte fest die A- AHHHHHHHHHHH- Taste und ihr knackendes Geräusch erschallte. Herrlich. Der Alkohol floss, sprudelte wieder und abermals über und ich war schon leicht beschwipst- hicks!- und schrieb zwei kleine Anekdoten auf ihr, für sie auch noch ein Liebesgedicht(Oh Erika) Da wollte mein besoffener Körper mal Pause machen und ich schwang mich auf einen Ast des nächstgelegenen Baumes und kletterte mühsam bis zur Krone. Ich überschaute den idyllischen See, klammerte mich in 15 Meter Höhen an die letzten haltbaren Äste und die Sonne kroch aus den Wolken hervor. Der See erstrahlte in hellem Schein, der Wind ging wieder los und der Ipod spielte die kitschige Version des Donauwalzers von den Comedien Harmonits. Die eindringliche Tenorstimme dröhnte in meinem Kopf und der Wind schaukelte mich und den Baum im Dreivierteltakt über dem kleinen See. Besoffen! „Oh Donau so blau, so blau, so blau- hicks- oh Donau so blau“. Bestimmt fünf Minuten dauerte das Stelldichein mit dem Baum, dann rutschte ich vergnügt die Äste herunter, und- ohne Scherz, es passte wirklich wie die Faust aufs Auge, begleitete mich Beethovens fünfte nach unten bis zum tiefen b. Rattattadam. Endlich wieder Boden unter den Füßen. Ich trat ans Wasser und setzte mich wieder hin. Trank noch ein Schluck Sekt und schaute in den See- zwischen den Steinen im Wasser schimmerte etwas. „Schau, Erika!“ ich zog einen rostigen, viereckigen Gegenstand heraus. Es war eine alte Gürtelschnalle. „Eine Gürtelschnalle“ und schwach waren zwischen dem Rost noch die Konturen eines Sowjetsterns zu erkennen. Ohne Zweifel eine Hinterlassenschaft der ehemaligen Besatzer aus dem Osten.
„Igor, na, wo ist deine Gürtelschnalle?“ Igor stand in der Mitte eines Kreises seiner „Genossen“ und sie starrten ihn mit gehässigen Blicken an. „Du willst wohl ins Wasser, Igor?“ Der dicke Pavel schubste ihn und Igors Schuhe wurden nass. Nun rutschte seine Hose. „Seht mal Igors rote Unterhose“ rief einer aus dem Kreis. Von Mutti gestrickt Igor zog seine Hose hoch und hielt sie krampfhaft fest mit beiden Händen. „Willst du sie wieder haben?“ Pavel hielt die Gürtelschnalle vor Igors Nase. „Ja“ sagte er zögerlich und langte nach der Schnalle. „Nö“ und Pavel warf sie ins Wasser, da schwamm sie und ging unter. Der Kreis löste sich, lachte noch über ihn, Igor und verschwand. In weitem Abstand folgte er ihnen Er stieg über den Sandhügel, ging durch das Tor zwischen dem Stacheldraht und hielt noch immer seine Hose. „Na Igor“, der Wachmann vom Aussichtsturm beugte sich aus der Luke „haben sie dich wieder geneckt?- Warte“ Der Wachmann kramte in seinen Taschen, zog ein silbernes Ding heraus und warf es Igor zu. „Verlier sie nicht“ Igor befestigte seinen Gürtel an der Schnalle und ließ seine Hose los. „Danka Kolja“ „Gern geschehen“. Der Wachmann schaute wieder zum Zaun. Ich fand es langsam langweilig auf dem Steg und wechselte mit Erika, Sektchen und Gläschen sowie meinem Fahrrad schwankend den Ort. Wir fuhren gemeinsam ein paar Meter in den Wald und erreichten nach fünf Minuten ein alten, rostigen Torbogen. „Ein kleiner Schritt für mich“ ich sprang über die Schwelle, „aber ein großer für eine Schreibmaschine“ und auch Erika betrat die postsowjetische Einöde.
Ich stellte das Rad an den Stacheldrahtzaun. Eine umzäunte Hügellandschaft erhob sich also vor uns. Ein kleines Betonhäuschen mit tarnfarben, Gräben und eine in die Erde eingelassene Panzergarage, an deren Boden ein Berg voll Müll lag. Ich fand schnell meinen idealen Platz, eine Art Jägertand vor der Garage, ich hob Erika auf eine Holzbank und setzte mich breitbeinig vor ihr, neben ihr auf einem Holzbrett Sekt und Glas. Die Flasche war schon zu zwei Dritteln geleert. Der Offizier nahm nach Igors Worten das Glas in die Hand. „Weißt du, Igor“ er leerte den Wodka in einem Zug, „trink erst mal“ Igor trat einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf. „Trink!“ der Offizier brüllte „hab ich gesagt“ und hatte auf die andere Sekunden wieder sein hinterlistiges Lächeln aufgesetzt. Igor kippte ein Glas. „Armes Igorchen“ Der Offizier sprach weinerlich. „Deine Gürtelschnalle, ja?“ Er streichelte Igor die Wange und schlug sie plötzlich mit heftiger Wucht. Igors Kopf knallte auf den Boden. „Igorchen?“ Witja zog ihn nach oben. Igor blutete auf der linken Gesichtshälfte. „Da, trink
Noch was“ Der Offizier nahm ein Glas, füllte es mit Wodka und kippte es Igor auf die Wunde im Gesicht. Sie brannte bestialisch. Witja zeigte Erbarmen, nahm die halbvolle Wodkaflasche und pressre sie an Igors Mund., drückte seinen Kopf nach hinten und ließ den Alkohol in seinen Magen absacken. „Zum Wohl auf unser paradisisches Arbeiterparadies.“ Witja nahm ihn beim Kragen und warf ihn über die Schwelle. „Morgen pünktlich zum Appell sein, Igor.“
In der Nacht rollte sich Igor immer wieder auf seine verletzte Gesichtshälfte und wachte Schmerz erfüllt auf. Beim Appell war er ganz schläfrig.
Ich tippte und tippte irgend eine Ahnung von mir in die Schreibmaschine, als Marlene Dietrich mich in meinem Ohr besuchte- ich kletterte also aus der Luke des Hochstandes hinauf auf das Wellblechdach und tanzte zu „The boys in the backroom“, als hätte ich einen Stock in der Hand und einen Anzug mit schwarzem Zylinder angezogen, wie eine Bühnenshow am Broadway. Dann wechselte die Musik und Lili Marlene, ein trauriges Lied über Abschied und Trauer, senkte meine Stimmung. Ich sank auf das Dach und guckte traurig. Da fiel mein Blick auf den Müllberg in der Senke. Da lagen Kaffeekannen, zerbrochene Teller, Aschenbecher und rostiges Besteck. Ich sprang vom Dach herunter in das weiche Gras und betrachtete mir das ganze aus nächster Nähe. Kurzerhand hab ich dem Ganzen eine Ordnung und baute daraus einen Tisch mit Tellern und Besteck, Kaffeekannen und meine inzwischen leere Sektflasche stellte ich auch noch dazu. Ein schöner Anblick. Einer der Jungs spannte seinen Löffel und zielte damit auf Igor. Platsch, und eine große Gurkenscheibe landete auf seinem rechten Auge. Der Offizier prustete los. „Dich hat wohl jemand grün und blau geschlagen, Igor?“ Sein anderes Auge hatte ein riesiges Veilchen vom gestrigen Abend. Witjas Soldaten lachten darüber. „Was guckst du so betrübt, lach doch Igor.“ „Genau, Igor, lach mal“ Pavel meldete sich zu Wort. Der Offizier warf ihn einen bösen Blick zu, dann war er wieder still.
Kolja blinzelte Igor zu. Abends saßen sie auf einer Bank und tranken Tee. „Igor, dass musst du nicht mit dir machen lassen.“ Kolja klang weise und mitfühlend. „Das ist doch nicht so einfach, Kolja. An wen soll ich mich denn bitte wenden?“ „Lass dich bei der Führung in eine andere Truppe versetzen.“ „Du hast vielleicht recht.“ Igor murmelte etwas vor sich her. „Was hast du gesagt, Igor?“ „Ach nichts!“ „Morgen lässt du dich versetzen, verstanden. Sonst sorge ich dafür!“ Kolja ging zu seiner Baracke. Erikas Stempel hatten sich verheddert. Ich wollte „Überaschungspacket „ schreiben und auf einmal „ritsch“ hatte ich ein Knäuel von Eisenstäben. „Was habe ich dir denn jetzt schon wieder getan? Willst du dich erst mal ausruhen?“ Auf dem Papier stand statt Überraschungspaket nur Übel riesch. War es der modrige Geruch von verfaulenden Decken, bröckelndem Putz der Erika ein leichtes Unbehagen bescherte? Igors Genossen kamen vor den Eingang, angeführt von Offizier Witja, und Pavel trug eine Kalaschnikow in seinen Armen. Zwei Flaschen Wodka, die fast schon leer waren. „Guck mal, Igor“ Der besoffene Witja zeigte auf die Kalaschnikow. „Wollten wir dir mal zeigen“ Er gab Pavel ein Zeichen, der daraufhin mit dem Lauf des Gewehres Igors Nase kitzelte. „geht es dir denn schon wieder besser?“ Der Offizier kniff grob in die halb verheilte Wunde von Igor. „Lasst mich in Ruhe“ Igor war zornig, er wendete seinen Kopf ab und starrte zum Wald. „Tut es weh, ja? DREH DICH GEFÄLLIGST UM“ „Nein“ sagte Igor ruhig. Er stand auf und deutete an, dass er davon ging. Der Offizier schmiss Igor eine der Wodkaflaschen in den Rücken. Igor blieb stehen. Er drehte sich um, schaute Witja Wut entbrannt in die Augen. Der Offizier hielt dem Blick mit Leichtigkeit stand und sagt langsam, aber mit deutlicher, eindringlicher Stimme: „Du Wirst Morgen Dein Blaues Wunder erleben“ Witja hob die Hand- ´PENG`- der neben dem Offizier stehende Pavel guckte schockiert auf den rauchenden Lauf der Kalaschnikow. Witja blieb noch einige Sekunden in seiner drohenden Haltung und sackte dann in sich zusammen. Pavel wurde ganz blass. Er ließ die Waffe fallen und rannte davon, ihm folgten die restlichen Soldaten. Igor stand noch eine Weile verbissen vor dem Leichnam des Offiziers, bis Kolja angelaufen kam, zusammen mit etwa zehn anderen Wachleuten. „Was bitte ist denn hier passiert?“ Er schaute fragend Igor an, der immer noch kein Laut heraus brachte, dann rutschte Koljas Blick auf den toten Witja. „Igor!“ stieß Kolja laut hervor. Diese Szene dauerte bestimmt fünf Minuten, Igor rührte sich kein bisschen, starrte immer noch auf den Offizier, mit leerem Blick, bis ihn die Wachen Handschellen anlegten und ihn abführten.
Im Herbst ging ein Transport in die Sowjetarmee. Igor wurde standrechtlich erschossen und seine Leiche kam in eine Urne. Ein Jahr später wurde Kolja festgenommen, weil er Igors Familie einen Brief geschickt hatte mit „verleugnendem Inhalt“. Er kam drei Jahre später wieder aus dem Gefängnis.

Ich packte Erika in ihre Kiste und fuhr wieder zurück ins Dorf, auf dem Weg sah ich ein paar Kühe, ein altes Ehepaar spazierte durch die Alleen. Der Wind blies das Laub über die Allee. Mein Ipod spielte wieder Doktor Schiwago. Die einprägsame Melodie der Begegnungen zwischen dem Doktor und seiner wahren Liebe, Lara. Wir fuhren in über einen großen Stein und Erika beschwerte sich wieder. Ach, was soll das noch werden mit ihr?
2.9.06 12:16


Mondscheinsonate

Der erste Teil meiner (Für euch, meine lieben Blogleser, eine Fortsetzungs-) Erzählung über die Geschichte zweier Pianisten.
Viel Spaß

Er steht im Schein des Mondlichts in einer sehr kalten Nacht. Der Schnee fällt beständig auf seinen alten Mantel. Als wäre Zeit ein festgefrorener Zustand, sieht er mit starrem Blick auf ein geschlossenes Tor. Seine Augen richteten sich auf ein goldenes Namensschild.
Das Mondlicht spiegelte sich darin, dass er, leicht geblendet, seinen Kopf wegdreht. Eine Klingel- es läutet. Eine Tür, ein Knarren. Ein alter Mann tritt heraus. Letzter Akt des Dramas, bevor der Vorhang fällt.
Eine Sonate beinah, wie sich der Mondschein über die Gesichter der beiden Greise legt. Der nächtliche Besucher verbeugt sich, hebt seinen Hut und lächelt. Ihre Blicke treffen sich. Der Alte erschaudert. Eine tiefe Narbe überzieht das Gesicht seines alten Rivalen.
I.
Er saß an seinem Tisch, eine Flasche billigen Rotwein trinkend, und betrachtete einen gelblichen Briefumschlag mit großen Augen. Er wagte ihn kaum aufzumachen, zu verwirrend waren seine Gefühle schon jetzt, wie würde er die Nachricht dann erst verkraften, die der Brief als Geheimnis hüllt. Nebenbei, wie sollte er reagieren, besser, wie würde er reagieren, nähert sich doch auch der Rotweinpegel mehr dem Boden der Flasche, einen, der wortwörtlich ein Boden der Tatsachen sein wird.
Er nahm den Brief und hielt ihn gegen das Licht der Glühbirne, um eine leise Ahnung des Inhalts zu erlangen. Aber Nein, nur ein leichter gelber Schimmer. Es nutzte nichts.
Das Raten hatte doch keinen Sinn. Kein Absender, keine Briefmarke, nur in ordentlichem Schriftzug sein Name: Bernie Steinberg.
Ein Blick zu seinem Taschenmesser als Retter seiner Entscheidungsunlust. Ein ebenso gelbliches Büttenpapier wie der Umschlag viel heraus und landete auf seinem Tisch.

Sehr geehrter Herr Steinberg,
betreffs ihrer Teilnahme am Wettbewerb um den Posten des Solopianisten im ehrwürdigen Internationalen Orchesters… Sein Herz begann wild zu Pochen …an welchen sie mit herausragenden Leistungen beteiligt waren,… ER, herausragend, welche Titulierung seiner bescheidenen Beethovenpräsentation …müssen ihnen leider mitteilen… Leider, welch ein Wort der Schmach, des Unterliegens vor einem Stärkeren, Besseren, dem er nur mehr als ein Schatten ist … dass sie nicht erfolgreich den Wettbewerb bestanden haben…
Er ließ den Brief fallen, griff in einem Anflug der Wut seine Weinflasche und schmiss sie gegen die Wand. Scherben fielen zu Boden. Seine alkoholisierten Triebe suchten einen Gegenstand, an dessen Zerstörung sie sich auslassen konnten. Er nahm seinen Spazierstock und schlug die Glühbirne ein. Er stand im Dunkeln, schwankend irrte sein Körper durch das Zimmer, suchte sich einen Hocker und sank nieder, den Kopf auf die Tasten des Klaviers werfend. Sein Bewusstsein stahl der Bruder Alkohol. Schrille Töne durchfluteten den Raum.

Zehn Minuten, zwei Stunden, wer weiß es schon. Mit einem lauten Knall wechselten die Szenen seines Traumes, Schläge auf den Kopf befreiten ihn aus einer Schleife eines sich ewig füllenden und leerenden Rotweinglases, in ein übergroßes Zebra, dass ihm Tritte in den Hintern gab, zu einfachen schwarz-weißen Tasten. Er hob seinen Kopf vom Klavier und guckte zur Tür.

Es klopfte. Frau Dornbusch, die Nachbarin, stürzte herein, mit einer Lampe in der Hand.
„Sie, ach, ist ihnen etwas passiert, mein Lieber?“ Sie musterte ihn am ganzen Körper, betastete seinen Hals und Kopf und machte vorwurfsvolle Miene. „Wieder getrunken, Herr Steinberg? Passt mal wieder zu ihnen. Sich dumm und dämlich saufen, um sich nicht dem Alltag zu stellen. Was war es diesmal. Haben Sie Schulden?“ Sie betrachtete kopfschüttelnd die Glasscherben. „Ich sag es ja immer wieder, mit ihrer Tagelöhnerei und Nachteskapaden werden sie sich noch um Geld und Verstand bringen.“ Bernie warf sich auf sein Bett, schlug die Decke über und drehte sich weg. „Das ist es nicht, Mona.“ Die dicke Frau setzte sich zu ihm aufs Bett. „Ist es die Liebe? Wurdest du zurückgewiesen? Das können mörderische Spiele sein, die unser Herz manchmal mit uns treibt.“ Ihr Blick fiel auf den Brief.
„Was für Gedanken trieben wohl Beethoven, als er seine 9te schrieb, welche des Wahnsinns, Verzweiflung oder der unendlichen Freude, die ihn zu solchem Schaffen brachten.“, sagte Bernie zur Wand.
Frau Dornbusch hob den Brief vom Boden auf. „Ich meine“, fuhr er fort, “ als Tauber zwischen allen Hörenden, die sein Werk genießen, ohne dass er einen der Töne hört, die lieblichen Gesänge vernimmt oder den Jubel über ihn mitbekäme. Ein Wahnsinniger, ein Heiliger“
Mona war vollkommen in dem Brief versunken.
„Das Gefühl muss ähnlich sein dem eines missverstandenen Genies, dessen Zeitgenossen ihn einfach nicht verstanden, der seiner Zeit voraus war. Dessen Schaffen erst verzögert blühte wie Mendels Gesetze oder eben Eric Satie, Meister ohne Ehren, wie schändlich kann die Welt sein, welche Beleidigung fügt sie manchmal dem Schöngeist und Denker zu.“ Er vergrub sein Gesicht im Kissen.
Mona sprang auf. „Aber…“, sie stotterte, “ aber das sind ja wunderbare Nachrichten!“ Sie lachte beherzt und erregte ein verwundertes Aufblicken des Unglücklichen. „Was meint Sie?“, fragte er die Wand. „Hat dich auch der Wahn gepackt?“, diesmal zu Mona.
Frau Dornbusch hielt den Brief hoch und fing laut an zu lesen:
… Sie nicht erfolgreich den Wettbewerb bestanden haben. Erfolg bedeutet nämlich, auf allen Ebenen der Beste zu sein. Und das waren sie nicht. Ich darf ihnen also feierlich verkünden: Sie haben einen ebenwürdigen Konkurrenten. Sie und er sind die zwei Finalisten ihrer Stadt und jeder für sich viel versprechende Talente. Doch ist es nun mal so, dass es nur einen Platz gibt, so Leid es mir tut. .Ich bitte Sie also am 30. dieses Monats, dem lieblichen August, gegen 18:00 im Stadttheater zu erscheinen. Möge dort der Bessere von Ihnen gewinnen.
Ihr sehr geehrter Intendant,
Julius Leitz
Bernie war wie versteinert. „Ist das nicht toll“, rief Mona. Bernie begann zu lächeln. Er hüpfte aus seinem Bett und umarmte Mona. Nach einer Weile der Freude setzte er sich an das Klavier und begann eine heitere Melodie zu spielen. Er sang einen Ton an, Frau Dornbusch stimmte ein.

Der Tor mit seinen üblen Launen,
Aus Dummheit ist so ungestüm
Wärn da nicht mehr der Freundes Raunen
Vergebens wären all die Mühn.

Immer schneller und intensiver schlugen die Tasten, der Gesang hallte durch die Nachbarschaft. Unbekümmert und sorgenlos.
Die Hunde bellten, die Herren und Damen stöhnten, war doch gerade erst der Morgen da.

Der Brief landete schnurstracks im Kamin. Wutentbrannt verkrampften sich seine Hände und krallten sich in die Sessellehne.
„Ebenwürdig“, flüsterte er bitter. Sein rot angelaufenes Gesicht wollte sich nicht beruhigen. Hatte ihn einmal der Zorn gepackt, so ließ dieser ihn auch nicht mehr los. Er hielt ihn gefangen in Fesseln rasender Gefühle.
André suchte eine Ablenkung- ein Roman? Was hilft das schon, würde er vom Glück oder Unglück des Helden noch zorniger werden.
Seine Hände suchten etwas. Er wühlte im Kasten eines Tisches und zog ein silbernes Etui heraus; zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Eine- bald zwei, drei. Der Rauch strömte durch seine Bronchien.
Er stand auf.
„Am 30. August fällt also die Entscheidung“ André verfiel in einen Monolog. „Stellt sich mir doch die Frage- wer ist mein Gegner?“ Er begann hastig durch den Raum zu Laufen. Seine Augen irrten umher- und die Hände öffneten den Deckel des Klaviers. „Der es wagt…“ Er schlug mit der Faust auf die Tasten. „Wagen soll er es“ Sekunden der Stille. Flüsternd: „Meiner Karriere im Wege zu stehen.“
Er hechtete zur Wand, griff den dort hängenden Degen und stach damit in die Luft. „MEINER KARRIERE“ Er geriet in Ekstase. Eins geworden mit seiner Phantasie, wähnte er sich in einem Kampf um Leben und Tot, gab dem leeren Zimmer mehrere Stöße, bis er seinen Gegner im Tode sah. Der Degen steckte im Bücherregal fest, gleich neben der Nibelungensage. „Das hast du nun davon, Siegfried!“ André zog den Degen wieder heraus. Die illustrierte Ausgabe fiel zu Boden, öffnet sich und gab ein Bild zum Vorschein.
>Grimhild rächt den Mord an Siegfried< stand als Bildbeschreibung darunter. Man sah den Toten Hagen mit einem Schwert im Körper. Er war irritiert.
André- zum Pianisten geboren, mit vier Jahren schon Klavierunterricht bei der eigenen Mutter. Und sowieso- Sohn des Bürgermeisters, ein Titel quasi, der ihm vor Anderen Respekt einbrachte, ja sogar geradezu erzwang. Will man es sich doch nicht mit den örtlichen Behörde verscherzen, die ja (vor allem wenn Jemand etwas von ihr will) bekanntlich nicht die aller Schnellste ist. „Fragt sich doch“- er öffnete die Tür seines Aufenthaltszimmer;
„Wer mein Gegner ist!“; warf sie hinter sich zu und eilte die Treppe herunter. Es war Montag, die Sonne schien bereits und heizte die Stadt auf.

Bernie presste den Brief an seinen Bauch. Leicht nach vorn gebeugt lief er damit über den vom Regen matschig gewordenen Weg des Stadtparks. Die paar Strahlen Licht, welche die sommerliche Abenddämmerung der Stadt noch gewährte, verschlangen die mächtigen Baumkronen der Eichen, die nur noch große Schatten hergaben.
„Verdammte Bäume!“, stieß Bernie wütend aus. Geld für ein Taxi wuchs an ihnen leider nicht.
Er rannte die letzten Meter bis zum Treppenaufgang. Pitschnass- und das Licht im alten Hausflur funktionierte immer noch nicht

Bilder berühmter Balletttänzerinnen hingen an der Wand. Ein Bild von ihr in jungen Jahren, lächelnd, und um sie gereiht standen mehrere Herren in schwarzen Anzügen. Ihr weißes Tanzkleid leuchtete in mitten dieser männlichen, schwarzen Tristesse.
Exotischer Kitsch war wohl der beste Ausdruck ihrer Ansammlung unnützer Gegenstände.
Eine Sammlung von Federhüten. Ein goldener Vogelkäfig quasi zum Museumsstück degradiert. Das Mobiliar bestand aus Sitzgelegenheiten in grellen Farben und altmodischen viktorianischen Couches, die, verstaubt, den Gang zum Schlafzimmer der Mutter versperrten Ein Himmelbett, dessen Decke mit Szenen aus dem Schwanensee gestaltet war. Die traurige Figur des Ludwig, der sich in seiner Verzweiflung den kalten Tiefen des Sees hingab, passte erschreckend gut zum Anblick seiner Mutter.
Man merkte ihr die schleichende Krankheit an ihrem Gemütszustand schnell an. Ihre früher so heitere, ungezwungene Art, die Bernie als Kind an ihr so liebte, war fast vollständig dem Krebs zum Opfer gefallen, der sie in seine Scheren nahm. Sie blitzte ab und zu wieder auf, als Funken ihres noch nicht ganz erloschenen Feuers der Leidenschaft und Fröhlichkeit.
Bernie hoffte, dass sie gerade eine ihrer guten Phasen hatte.
„Wie geht es dir heute, Mama?“ Ihre müden Augen warfen einen kurzen Blick auf Bernie und starrten dann wieder an das Deckengemälde. Bernie runzelte ein wenig die Stirn und trat näher an sie heran.
„Ich habe dir etwas mitgebracht- warte“ Er zog eine weiße Schachtel aus seiner Manteltasche und legte sie ihr auf das Bett. „Wiener Konfekt- ich dachte du freust dich darüber“ Eine längere Pause „Mona hat sie mir für dich mitgegeben.“ Bernie öffnete die Pralinenschachtel und zeigte ihr den Inhalt.
Tanjas blasse Hände kamen langsam unter der Bettdecke hervor und umklammerten wie die Krallen einer Elster den Schatz: die Schachtel.
„Danke“ sagte sie in einem kaum vernehmbaren Ton. Bernie atmete erleichtert auf. Das erste Schweigen war wieder mal gebrochen.
Langsam führte sie die Pralinen zu ihrem Mund und kaute ziemlich lange auf der Schokolade herum, da ihr das Atmen beim Schlucken schwer fiel. Sie keuchte jedes Mal mit pfeifendem Atem, wenn sie es wieder geschafft hatte, und rang nach mehr Luft für ihre gewucherten Bronchien. Ihre Arme hoben dabei ihren schlaffen Oberkörper, um der Lunge Platz zu schaffen, sich auszubreiten, ohne das sie den Klumpen gekauter Schokolade den Weg zur Magenhöhle versperrte.
Die Prozedur dauerte einige Minuten und Bernie stand geduldig daneben, zufrieden immerhin, dass der mütterliche Heißhunger auf Pralinen nicht ganz abgestorben war.
Ihre Lieblingsspeisen hatte sie früher beinah wie eines dieser Ungeheuer aus den Sagen verschlungen, so als ob sie den wahren Geschmack erst genießen konnte, wenn soviel wie möglich auf einmal im Mund war.
Früher hatte er oft darüber gelacht, wenn Tanja sich in ihrer Hast wieder mal verschluckte und Brotkrümel auf den Boden spie. Es war auch nicht verwunderlich gewesen. Ihre früher häufigen Ortswechsel, den zahlreichen Auftritten als Tänzerin geschuldet, verlangten ja geradezu eine Lebensweise, die das hektische herunter Schlingen von Nahrungsmitteln begünstigte. Dazu eine Zigarette, die in der selben Geschwindigkeit geraucht wurde, sowie mindestens zwei, drei Tassen Kaffe. Von Überaktivität gejagt, führte sie ein Leben nach der sprichwörtlichen letzten Minute.
Und doch strahlte sie dabei immer eine gewisse Gelassenheit aus. Eine zufriedene Ruhe in einem rasenden Lebenstempo, einem Skifahrer auf der Abfahrt gar nicht so unähnlich, höchste Konzentration und Wohlsein im wohl schwierigsten und gefährlichsten Moment. Das ihre Abfahrt mit 50 schon im Todesbett enden sollte, wusste weder sie noch einer ihrer damals zahlreichen Bekannten

Die leere Schachtel purzelte zu Boden.
„Hat es dir geschmeckt?“. Sie legte ihre Hände auf den Bauch und streichelte ihn.
„Ja, sehr gut.“ Tanjas Stimme bekam bei diesen Worten fast ihre gewohnte zierliche Stärke und Klarheit wieder.
„Monas Auswahl ist wie immer exquisit.“ Sie deutete einen Luftkuss an.
„Wie wahr. Ich soll dich im Übrigen sehr nett von ihr grüßen. Sie meinte noch, dass sie das nächste Mal mir wieder eine Schachtel mitgeben wird. Um dir den Tag zu versüßen“
Tanjas Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig.
„Beim nächsten mal!“ Ihre Augen wurden wässrig, dicke Tränen kullerten über ihr Gesicht. Sie vergrub es im Kissen und schluchzte heftig, wieder versinkend in der Sinnflut der Traurigkeit.
Bernie kam mit diesen Situationen überhaupt nicht klar Sein innerstes Verhältnis zu seiner Mutter wurde dabei auf eine so unnatürliche Weise umgekehrt, dass es ihm schwer fiel, sie zu trösten, mit ihr zu weinen als Beschützer in ihrer hoffnungslosesten Zeit. Lieber würde er jetzt von ihr umarmt und beschützt werden, vor den überstarken Mitschülern, die ihn immer mit Hänseleien gepeinigt hatten. Sie lauerten ihm nach der Schule auf und forderten von ihm Dinge zu tun, die er unmöglich erfüllen konnte- oder wollte. Wenn er nicht gehorchte, wenn er dem Wort der rohen Gewalt den Vortritt gewährte, tobte der Mob. Bernie hasste die Disziplin des –Um die Ecke Rennens- und wahr doch froh, wenn das Geschrei der Mutter die geistigen Hunde vertrieb. Tanja heizte ihnen jedes Mal ein und machte einige Male einen dermaßen großen Terror, seine so genannten Kameraden trauten sich nie mehr danach, ihn auch nur schief anzugucken. Die blauen Flecke der elterlichen Bestrafung glichen den Spaß am Massakrieren des körperlich Schwächeren nicht aus.
Doch jetzt sollten sie ihre Rollen tauschen. Bernie blieb wie versteinert neben ihrem Bett stehen.

Tanja beruhigte sich wieder. Sie wischte mit einem Stofftaschentuch die Tränen weg und guckte bekümmert zu Bernie, der sich in ihren depressiven Minuten keinen Zentimeter bewegt hatte.
Sie streckte die Hand nach Bernie aus und zog ihn an sich heran. Szenen einer ergreifenden Mutter-Sohn Liebe folgten. Die beiden tauschten in fester Umarmung tiefe Gefühle des gegenseitigen Vertrauens aus, bis auch Bernie zu Weinen begann. Er riss sich los und zog den nassen Brief aus seiner Tasche.

„Ich habe eine Mitteilung vom Orchester bekommen, Mama. Von Julius Leitz. Weißt du noch?“
„Stimmt, ja. Du hattest bei den Klaviervorspielen teilgenommen. Und sie haben dir eine Antwort gegeben?“ Bernie hielt den Brief hoch und las ihn Tanja laut vor.
… Ihr sehr geehrter Intendant,
Julius Leitz
Sie klatschte sanft die Hände für Bernie. „Nein, Schatz, was denkst du, mit was du deiner sterbenden Mutter mehr eine Freude machen könntest? Wohl dem, der sein Ziel erreichen will- der kann es auch schaffen. Ach Bernie“ Sie küsste ihn.
„Ich habe es doch noch gar nicht geschafft. In fünf Tagen ist doch erst das Vorspiel. Weiß ich, gegen wen ich antrete. “ Er verzog seine Miene
„Noch gar nicht geschafft“ äffte sie ihn in einem spöttischen Tonfall nach.
„Denkst du denn, ich habe mich all die Jahre mit dir an das Klavier gesetzt, wenn ich nicht wusste, dass aus dir mal etwas wird?“

Sie richtete sich weiter auf in ihrem Bett und war in Augenhöhe mit Bernie. „Du musst aufhören, dir etwas einzureden. Sei endlich so wie ich es dir beibringen wollte: Sei stark und wehre dich gegen die Neider und Hasser. Nein Bernie.“ Ihre kleinen Augäpfel leuchteten „Stark sein- Du Hast Talent!“ Ihre Blicke fixierten Bernie mit stolzem Zorn.
„Mutter?“ fragte sie Bernie nervös
Stöhnend ließ Tanja sich zurück in ihr Bett fallen und drehte sich zur rechten Seite.
Ihr lebhaftes Feuer war wieder verloschen.
„Mama, was ist?“ Tanja hob eine Hand, als wollte sie ihn blocken. „Schlafen“ knurrte sie und war dann nicht mehr ansprechbar.

Bernie verließ die Wohnung wie er gekommen war. Stürmisch, voll von unbestimmten Gefühlen und Gedanken
18.8.06 16:02





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