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Ein Nachmittag mit Erika

So ein Ipod ist ja wirklich eine geniale Erfindung. Vor allem mit der shuffle Funktion, die immer für ungeahnte musikalische Überraschungen sorgt. Da war ich nun wieder, ich kleiner Spinner, packte mir einen Stapel Papier in meine Mappe, ein paar Bücher und den Geburttagssekt von Rotkäppchen, es ging ja auch irgendwie in den Wald. Dazu noch, es sollte doch alles perfekt sein, ein Sektglas, schnürte die Tasche und packte sie in den Korb meines blauen Ostdamenrades. Ich war auf dem Weg zu meiner Freundin, Erika heißt sie übrigens, fuhr die Alleen entlang und ein geradezu majestätischer Mozart betäubte meine Ohren. Da stand sie, Erika. Erika! Mit einer edlen Holzverkleidung, bestimmt Buche. Ich konnte nicht anders, zog meinen Schlüssel und steckte ihn in ihr Schloss, entkleidete sie und erblickte ihren 45-tastigen, schwarzen Körper. Ein Traum, eine Melodie, Chopin meldete sich auf meinem Ipod, es war ja ein so wundervoller Augenblick. Das war übrigens mein erstes Rendevouz mit ihr und ich war schon ziemlich nervös. Mein Opa half mir aber, er holte seinen alten Militärrucksack aus der Scheune, und machten es Erika darin gemütlich. Und schon fuhren wir kleines Liebespaar durch die spätsommerliche Landschaft meines kleinen Dorfes und hatten ein festes Ziel vor Augen- einen mächtigen Betonsteg vor dem alten Sowjetflugplatz mit Blick auf einen kleinen Waldsee. Die Musik shuffelte mir schon die passende Ambiente und spielte die Titelmusik von Doktor Shiwago, das erste Laub viel von den Bäumen und der Himmel bewölkte sich. Eine ordentliche Brise blies mir in mein Gesicht. Erika war auch ganz schön schwer und drückte mir in den Rücken. „Wir sind doch gleich da“ sagte ich gedankenversunken zu ihr und bog in den Wald ein. Ich stellte mein Fahrrad an einem Baum ab, holte Erika heraus und setzte mich auf den kalten Betonboden. Darunter lag das schilfbewachsene Wasser und prallte gegen die Stegmauer- ich schob meinen Hintern näher ans Wasser und zog die Schreibmaschine heran- sie grinste mich frech an, und wie am ersten Tag, als ich mich in ihr breites, alphabetisches Lächeln verliebt hatte, spürte ich wieder die Magie. Ich blickte über den See- auf der anderen Seite war ebenfalls ein Steg- sah aus wie eine Anlegestelle, ob da wohl eine Fähre angelegt hatte? Und dann standen dort, drüben, am andern Ufer ein paar abgewrackte Militärkasernen und genau neben mir erhob sich eine Steinpyramide. Wahrscheinlich ein Denkmal, mit ein paar kyrillischen Buchstaben unter einem Hammer und einer Sichel und sollte wohl soviel heißen wie: „zu Ehren der Roten Armee“ oder „In Erinnerung an unsere gefallenen Soldaten im großen vaterländischen Krieg“. Ich holte meine Flasche Sekt heraus, der Korken knallte, zum Wohl dem Soldaten der Sowjetarmee, hob das Glas und der Sekt lief über, mitten auf meine Hose. Scheiße! Und schon wieder Doktor Schiwago, nun der Arbeiterchor, der die Internationale sang. „Was sagst du dazu, Erika?“ Ich wollte endlich ihre Stimme hören, trank noch einen großen Schluck Sekt und spannte endlich ein Schnee weißes Papier in ihren vom Schmieröl flammenden Körper. „Du willst es doch auch“ Ich drückte fest die A- AHHHHHHHHHHH- Taste und ihr knackendes Geräusch erschallte. Herrlich. Der Alkohol floss, sprudelte wieder und abermals über und ich war schon leicht beschwipst- hicks!- und schrieb zwei kleine Anekdoten auf ihr, für sie auch noch ein Liebesgedicht(Oh Erika) Da wollte mein besoffener Körper mal Pause machen und ich schwang mich auf einen Ast des nächstgelegenen Baumes und kletterte mühsam bis zur Krone. Ich überschaute den idyllischen See, klammerte mich in 15 Meter Höhen an die letzten haltbaren Äste und die Sonne kroch aus den Wolken hervor. Der See erstrahlte in hellem Schein, der Wind ging wieder los und der Ipod spielte die kitschige Version des Donauwalzers von den Comedien Harmonits. Die eindringliche Tenorstimme dröhnte in meinem Kopf und der Wind schaukelte mich und den Baum im Dreivierteltakt über dem kleinen See. Besoffen! „Oh Donau so blau, so blau, so blau- hicks- oh Donau so blau“. Bestimmt fünf Minuten dauerte das Stelldichein mit dem Baum, dann rutschte ich vergnügt die Äste herunter, und- ohne Scherz, es passte wirklich wie die Faust aufs Auge, begleitete mich Beethovens fünfte nach unten bis zum tiefen b. Rattattadam. Endlich wieder Boden unter den Füßen. Ich trat ans Wasser und setzte mich wieder hin. Trank noch ein Schluck Sekt und schaute in den See- zwischen den Steinen im Wasser schimmerte etwas. „Schau, Erika!“ ich zog einen rostigen, viereckigen Gegenstand heraus. Es war eine alte Gürtelschnalle. „Eine Gürtelschnalle“ und schwach waren zwischen dem Rost noch die Konturen eines Sowjetsterns zu erkennen. Ohne Zweifel eine Hinterlassenschaft der ehemaligen Besatzer aus dem Osten.
„Igor, na, wo ist deine Gürtelschnalle?“ Igor stand in der Mitte eines Kreises seiner „Genossen“ und sie starrten ihn mit gehässigen Blicken an. „Du willst wohl ins Wasser, Igor?“ Der dicke Pavel schubste ihn und Igors Schuhe wurden nass. Nun rutschte seine Hose. „Seht mal Igors rote Unterhose“ rief einer aus dem Kreis. Von Mutti gestrickt Igor zog seine Hose hoch und hielt sie krampfhaft fest mit beiden Händen. „Willst du sie wieder haben?“ Pavel hielt die Gürtelschnalle vor Igors Nase. „Ja“ sagte er zögerlich und langte nach der Schnalle. „Nö“ und Pavel warf sie ins Wasser, da schwamm sie und ging unter. Der Kreis löste sich, lachte noch über ihn, Igor und verschwand. In weitem Abstand folgte er ihnen Er stieg über den Sandhügel, ging durch das Tor zwischen dem Stacheldraht und hielt noch immer seine Hose. „Na Igor“, der Wachmann vom Aussichtsturm beugte sich aus der Luke „haben sie dich wieder geneckt?- Warte“ Der Wachmann kramte in seinen Taschen, zog ein silbernes Ding heraus und warf es Igor zu. „Verlier sie nicht“ Igor befestigte seinen Gürtel an der Schnalle und ließ seine Hose los. „Danka Kolja“ „Gern geschehen“. Der Wachmann schaute wieder zum Zaun. Ich fand es langsam langweilig auf dem Steg und wechselte mit Erika, Sektchen und Gläschen sowie meinem Fahrrad schwankend den Ort. Wir fuhren gemeinsam ein paar Meter in den Wald und erreichten nach fünf Minuten ein alten, rostigen Torbogen. „Ein kleiner Schritt für mich“ ich sprang über die Schwelle, „aber ein großer für eine Schreibmaschine“ und auch Erika betrat die postsowjetische Einöde.
Ich stellte das Rad an den Stacheldrahtzaun. Eine umzäunte Hügellandschaft erhob sich also vor uns. Ein kleines Betonhäuschen mit tarnfarben, Gräben und eine in die Erde eingelassene Panzergarage, an deren Boden ein Berg voll Müll lag. Ich fand schnell meinen idealen Platz, eine Art Jägertand vor der Garage, ich hob Erika auf eine Holzbank und setzte mich breitbeinig vor ihr, neben ihr auf einem Holzbrett Sekt und Glas. Die Flasche war schon zu zwei Dritteln geleert. Der Offizier nahm nach Igors Worten das Glas in die Hand. „Weißt du, Igor“ er leerte den Wodka in einem Zug, „trink erst mal“ Igor trat einen Schritt zurück und schüttelte den Kopf. „Trink!“ der Offizier brüllte „hab ich gesagt“ und hatte auf die andere Sekunden wieder sein hinterlistiges Lächeln aufgesetzt. Igor kippte ein Glas. „Armes Igorchen“ Der Offizier sprach weinerlich. „Deine Gürtelschnalle, ja?“ Er streichelte Igor die Wange und schlug sie plötzlich mit heftiger Wucht. Igors Kopf knallte auf den Boden. „Igorchen?“ Witja zog ihn nach oben. Igor blutete auf der linken Gesichtshälfte. „Da, trink
Noch was“ Der Offizier nahm ein Glas, füllte es mit Wodka und kippte es Igor auf die Wunde im Gesicht. Sie brannte bestialisch. Witja zeigte Erbarmen, nahm die halbvolle Wodkaflasche und pressre sie an Igors Mund., drückte seinen Kopf nach hinten und ließ den Alkohol in seinen Magen absacken. „Zum Wohl auf unser paradisisches Arbeiterparadies.“ Witja nahm ihn beim Kragen und warf ihn über die Schwelle. „Morgen pünktlich zum Appell sein, Igor.“
In der Nacht rollte sich Igor immer wieder auf seine verletzte Gesichtshälfte und wachte Schmerz erfüllt auf. Beim Appell war er ganz schläfrig.
Ich tippte und tippte irgend eine Ahnung von mir in die Schreibmaschine, als Marlene Dietrich mich in meinem Ohr besuchte- ich kletterte also aus der Luke des Hochstandes hinauf auf das Wellblechdach und tanzte zu „The boys in the backroom“, als hätte ich einen Stock in der Hand und einen Anzug mit schwarzem Zylinder angezogen, wie eine Bühnenshow am Broadway. Dann wechselte die Musik und Lili Marlene, ein trauriges Lied über Abschied und Trauer, senkte meine Stimmung. Ich sank auf das Dach und guckte traurig. Da fiel mein Blick auf den Müllberg in der Senke. Da lagen Kaffeekannen, zerbrochene Teller, Aschenbecher und rostiges Besteck. Ich sprang vom Dach herunter in das weiche Gras und betrachtete mir das ganze aus nächster Nähe. Kurzerhand hab ich dem Ganzen eine Ordnung und baute daraus einen Tisch mit Tellern und Besteck, Kaffeekannen und meine inzwischen leere Sektflasche stellte ich auch noch dazu. Ein schöner Anblick. Einer der Jungs spannte seinen Löffel und zielte damit auf Igor. Platsch, und eine große Gurkenscheibe landete auf seinem rechten Auge. Der Offizier prustete los. „Dich hat wohl jemand grün und blau geschlagen, Igor?“ Sein anderes Auge hatte ein riesiges Veilchen vom gestrigen Abend. Witjas Soldaten lachten darüber. „Was guckst du so betrübt, lach doch Igor.“ „Genau, Igor, lach mal“ Pavel meldete sich zu Wort. Der Offizier warf ihn einen bösen Blick zu, dann war er wieder still.
Kolja blinzelte Igor zu. Abends saßen sie auf einer Bank und tranken Tee. „Igor, dass musst du nicht mit dir machen lassen.“ Kolja klang weise und mitfühlend. „Das ist doch nicht so einfach, Kolja. An wen soll ich mich denn bitte wenden?“ „Lass dich bei der Führung in eine andere Truppe versetzen.“ „Du hast vielleicht recht.“ Igor murmelte etwas vor sich her. „Was hast du gesagt, Igor?“ „Ach nichts!“ „Morgen lässt du dich versetzen, verstanden. Sonst sorge ich dafür!“ Kolja ging zu seiner Baracke. Erikas Stempel hatten sich verheddert. Ich wollte „Überaschungspacket „ schreiben und auf einmal „ritsch“ hatte ich ein Knäuel von Eisenstäben. „Was habe ich dir denn jetzt schon wieder getan? Willst du dich erst mal ausruhen?“ Auf dem Papier stand statt Überraschungspaket nur Übel riesch. War es der modrige Geruch von verfaulenden Decken, bröckelndem Putz der Erika ein leichtes Unbehagen bescherte? Igors Genossen kamen vor den Eingang, angeführt von Offizier Witja, und Pavel trug eine Kalaschnikow in seinen Armen. Zwei Flaschen Wodka, die fast schon leer waren. „Guck mal, Igor“ Der besoffene Witja zeigte auf die Kalaschnikow. „Wollten wir dir mal zeigen“ Er gab Pavel ein Zeichen, der daraufhin mit dem Lauf des Gewehres Igors Nase kitzelte. „geht es dir denn schon wieder besser?“ Der Offizier kniff grob in die halb verheilte Wunde von Igor. „Lasst mich in Ruhe“ Igor war zornig, er wendete seinen Kopf ab und starrte zum Wald. „Tut es weh, ja? DREH DICH GEFÄLLIGST UM“ „Nein“ sagte Igor ruhig. Er stand auf und deutete an, dass er davon ging. Der Offizier schmiss Igor eine der Wodkaflaschen in den Rücken. Igor blieb stehen. Er drehte sich um, schaute Witja Wut entbrannt in die Augen. Der Offizier hielt dem Blick mit Leichtigkeit stand und sagt langsam, aber mit deutlicher, eindringlicher Stimme: „Du Wirst Morgen Dein Blaues Wunder erleben“ Witja hob die Hand- ´PENG`- der neben dem Offizier stehende Pavel guckte schockiert auf den rauchenden Lauf der Kalaschnikow. Witja blieb noch einige Sekunden in seiner drohenden Haltung und sackte dann in sich zusammen. Pavel wurde ganz blass. Er ließ die Waffe fallen und rannte davon, ihm folgten die restlichen Soldaten. Igor stand noch eine Weile verbissen vor dem Leichnam des Offiziers, bis Kolja angelaufen kam, zusammen mit etwa zehn anderen Wachleuten. „Was bitte ist denn hier passiert?“ Er schaute fragend Igor an, der immer noch kein Laut heraus brachte, dann rutschte Koljas Blick auf den toten Witja. „Igor!“ stieß Kolja laut hervor. Diese Szene dauerte bestimmt fünf Minuten, Igor rührte sich kein bisschen, starrte immer noch auf den Offizier, mit leerem Blick, bis ihn die Wachen Handschellen anlegten und ihn abführten.
Im Herbst ging ein Transport in die Sowjetarmee. Igor wurde standrechtlich erschossen und seine Leiche kam in eine Urne. Ein Jahr später wurde Kolja festgenommen, weil er Igors Familie einen Brief geschickt hatte mit „verleugnendem Inhalt“. Er kam drei Jahre später wieder aus dem Gefängnis.

Ich packte Erika in ihre Kiste und fuhr wieder zurück ins Dorf, auf dem Weg sah ich ein paar Kühe, ein altes Ehepaar spazierte durch die Alleen. Der Wind blies das Laub über die Allee. Mein Ipod spielte wieder Doktor Schiwago. Die einprägsame Melodie der Begegnungen zwischen dem Doktor und seiner wahren Liebe, Lara. Wir fuhren in über einen großen Stein und Erika beschwerte sich wieder. Ach, was soll das noch werden mit ihr?
2.9.06 12:16
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


eee / Website (29.9.06 21:47)
erika gehört mir! du kannst sie nicht ewig verstecken...

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