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Eine Nacht in Krakau

Ich erwachte in dieser Nacht vom Fieber, dass mich am Abend niedergestreckt, zu oft und in meinen Augen spiegelte sich die Tortur wieder und wieder ein jedes Mal, als ich erneut vor dem kleinen, goldumrahmten Spiegel stand, der über dem Waschbecken hing: immer tiefer grub sich die Müdigkeit in mein Gesicht, und im schwachen Lichtschein, der von der Straßenlaterne kam, fand ich mich ausgesprochen hässlich.
„Schau nur, wie hässlich du bist“ flüsterte ich beim dritten Mal und schämte mich meiner- in der imaginierten Gegenwart anderer. Die einzige Person in dem kleinen, karg eingerichteten Zimmer einer Jugendherberge im polnischen Krakau, ein vielleicht Siebzehn jähriges „nicht mehr“ Mädchen und noch nicht Frau Wesen und doch beides in ausgesprochen unharmonischer Weise zugleich- schlief und konnte mit ihren verdeckten Augen mein von ausklingender Akne durchfurchtes Antlitz, in dem ein ordnungsloser Urwald Bart wucherte, nicht kritischen Blickes mustern.
Ihre Kritik, so bildete ich mir ein, hätte mich zerbrochen und mein gebrochenes Antlitz, wie die Scherben meines Spiegelbildes, hätte sich nicht mehr zusammengefunden.
Genug, dachte ich mir und wandte mich ab von der Erscheinung einer Erscheinung, zog den Vorhang zur Straße zu, um das Licht zu dimmen (und die Hässlichkeit mit dem Licht aus dem Raum zu verbannen), und setzte mich auf das Bett, ein zögernder Moment der letzten, hoffentlich letzten Reflexion, nach der ich dann doch noch von der Müdigkeit zu Bette gerungen werden würde.
Ich irrte mich gründlich, denn hatte alles genau , wie ich doch noch zur Ruhe finden würde, war der Grund zu sehr außer mir: Ich bedachte nicht, dass die Person neben mir -eine geborene Erzieherin- den Rahmen meiner inneren Ruhe während der Woche dieser Reise bilden sollte:
„Ruhe“ schrie sie und ein Paukenschlag donnerte durch den Raum, der kaum verklungen, das Vorspiel für die Triller, für ihr absatzloses Schreien und Schimpfen einer Trillerpfeife gab, wobei mein Gehör erst wieder einsetzte, als sie mit den Worten „will schlafen“ so unvermittelt ins Bett plumpste, wie sie, noch nachhallend durch meine ganzen Körperfieber, plötzlich aus dem schlafenden Nichts aufgetaucht war; Ich starrte an die Wand. Der Spiegel war zerbrochen, meinte ich, ganz Krakau müsste aufgewacht sein, alle Scheiben zersprungen.
Alles war noch ganz; Dann war nur mein mühsam hergestellter Seelenfrieden für eine Nacht zersprungen, mein Selbstbewusstsein, mein Gewissen: ein Scherbenhaufen.
Ich brauchte eine Stunde, um mich davon zu überzeugen, dass das Verbrechen, welches ich ihr zufügte- Ruhestörung- eine solche Strafe nicht rechtfertigte.
Nach einer Stunde schlief ich ein; Nach einer Stunde wachte ich auf. Es war gegen Acht, und das erste, was ich im erneuerten Sonnenlicht sah, war ein ins Formlose verschwimmende Gesichtsoval, eine spitze, kleine Nase, eine Brille, durch die langsam zwei blaue Augen mich fixierten, ein leicht verzerrter Mund: „aufwachen“ tönte es heraus.
„Aufwachen!“ und sie schüttelte mich sanft, unsanft, sie zog mir Decke vom Körper, dass ich schutzlos ihren Blicken und ihrem selbstgewissen Urteil ausgeliefert war.
„Ich wollte dir nur mal zeigen, wie das ist, was du heute Nacht gemacht hast“ sagte sie, setzte sich auf ihre Doppelbettseite und legte sich wieder nieder, den Kopf auf ihr „Hab dir ganz doll lieb“ Kissen gedrückt.
Ich starrte an die Zimmerdecke. Da lag sie nun wieder: ihre Gesichtszüge hatten immer etwas bizarres an sich, als hätte sie den Zwang, den sie auf mich ausübte, vorher an sich ausgeführt, um ihrer Mutter, von der sie unablässig sprach, während sie mich zur Ordnung mahnte- was allerdings das genaue Gegenteil bewirkte- nachzueifern, zu übertrumpfen, wenn es darum ging, ihr persönliches Recht, das Vorrecht auf richtiges Benehmen durchzusetzen. Lächelte sie, dann fehlte ihr die kleine Portion mimische Freiheit, die jedes Lächeln einmalig machte- bei ihr war es ein immergleiches Grinsen, in dem sich eine zum Selbstzweck erstarrte Ordnung ausdrückte; Im Gegensatz verwahrloste ich. Der Inhalt meiner Reisetasche wurde selbstständig und siedelte zwischen Bett und Wand, Tisch und Schrank, bis an die Grenze des Nachbarlandes, die etwa in der Mitte des Doppelbettes lag- so teilte sich der Raum unserer beider Welt in zwei Hemisphären, in denen zwei unterschiedliche Prinzipien vorherrschten: Ordnung und Sauberkeit, penibel zusammengelegte Wäsche und exakt auf eine Linie ausgerichtete Gebrauchsgegenstände; und das Chaos, in dem jedes Ding beziehungslos herum lag, wie ich selbst, und über beide Hälften spannte sich der selbe Himmel, die selbe Decke, war die gleiche Luft einer muffigen Jugendherberge.
8.3.09 22:17
 


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