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Mr.X und seine Peiniger

Bekanntlich war der Angriff des Don Quixote de la Mancha auf die widerspenstigen Windmühlen vergeblich- er versuchte es trotzdem. Könnte man ihm, dem tollpatschigen Antihelden, Ritter in eigener Mission, noch symphatische Naivität unterstellen, bleibt einem bei der schaurigen Abgeklärtheit der Windmühlen die Spucke weg- bei ihnen kommt noch jeder unter die Räder.
Wie die fiktiven Welten eines literarischen Textes nie ganz für sich sind, sondern je die Übertragung eigener Erlebnisse und Erfahrungen eines Autor, so auch die Windmühlen nicht sinnfreies Objekt für den Verwirrten- sind nun auch sie notwendige Empfänger für Hohn, Spott und...Kritik?
Neben Cervantes Don Quixote de la Mancha steht auch die „Comedia“ für die Merkmale des „siglo de oro“, Das Goldene Zeitalter der spanischen Literatur- Kaum treffender ähnelt die Form der Comedia den Ereignissen, die sich auf und nach der Kursfahrt der zwölften Klasse des Luckenwalder Gymnasiums im Jahr 2007 zugetragen haben.
„Comedia“(=Schauspiel):
Komisches wird mit Tragischem vermischt, die Anzahl der Akte wird auf 3 festgelegt, Einheit von Ort und Zeit werden nicht gefordert, die Stoffe sind volkstümlich.

Das die spanische Klassik ausgerechnet auf einer deutschen Kursfahrt ihre späten Trümpfe bringt, hat Gründe:
Da bot sich als Kulisse der Comedia „Mr.X und seine Peiniger“ Barcelona als spanische Perle geradezu an- die Einheit von Ort und Zeit brach hingegen der erste Tag nach einer fröhlich blauen Woche:
Da rumorte es nämlich gewaltig- zwischen Tischnachbarn, Bänken, Stühlen, Lehrern- und einer saß dazwischen, für den die falsche Komödie zur kränkenden Tragödie wurde- Lachen aber, und das ist ihre Umkehrung, müsste man gerade über die Windmühlen und ihre Müller, denen es ständig nach neuen Körnen für die Befriedigung ihrer Sensationsgier lechzt. Ob nun auch der Kritiker gemahlen wird, ob seine Lanze zerbricht unter den Mühlsteinen, das ist es, was diese Zeilen wissen möchten.
Mögen also auch die Leser ihr Käppchen zur Debatte aufsetzen, der es im Endeffekt darum geht:
Die Zurschaustellung eines Opfers, das, umstellt von einer Horde gackernder Hühner, noch dem Letzten an Würde beraubt wird- der Selbstentscheidung, was von seinen Peinlichkeiten in den Tratschstall der Verdummten dieser Erde gestellt wird.
Die Kritik richtet sich also weniger an den, der die sonst einigermaßen gut versteckten sexuellen Vorstellungen im Suff Preis gab- sondern an diejenigen, die ihn unter Ausnutzung seiner Situation(die des Alkohol bedingten Rede Drangs) ausfragten, - bis in das intimste Detail hinein-, das „Gesagte“ filmten, und Mr.X damit einem Mob auslieferten, dessen unheilvolle Spitze sie waren, der sich an seinem sprachlichen Missgeschick aufzog und keinerlei Rücksicht nahm auf seine Gefühle, auf sein Befinden- ihn also komplett entmenschlichte.
Das ist der Skandal, aber Akt für Akt.

Der Auslöser der „Comedia“ war eine Video- bzw. Tonbandaufnahme, die nach der Kursfahrt in das
World Wide Web wurde- 150! Aufrufe bereits nach wenigen Tagen- in der der Gegenstand des Interesses war:

Ein Schüler betrinkt sich auf der Kursfahrt.; In einer ekelhaften Kumpelart a la „Wir sind doch hier unter uns“ wird seine Unerfahrenheit im „Normal“verhalten Brandenburger Schüler ausgenutzt- Saufen, Ärgern, an Nichts aber auch gar Nichts Schuld sein.
Während der „Interviewer“ unter ständigem Nachfragen das Erzählen sexueller Phantasien seitens Mr.X provoziert, der in einer, gewiss, Naivität, in jedes Fettnäpfchen tritt, dass man ihm vorbereitet, kommentiert im Hintergrund eine Stimme das zu erwartende Gedachte der späteren Zuschauer: „Oskarreif“!
Dabei steht das „Gesagte“ nicht in einseitigem Verhältnis zum Erzähler, sondern Art und Weise, wie und warum sich das „Gesagte“ `verselbstständigt´ hat, lassen Rückschlüsse auf die zu, die sich darüber in scheinheiliger Art mokieren.

Grob ließe sich das „Gesagte“ derart zusammenfassen:
Die Darstellung triebhafter Phantasien in Sprachform. Bezug zu realen Personen(weiblich), Einteilung der Personen nach dem gängigen Schönheitsideal in „schön“ oder weniger „schön“, sowie deren Charakter.
Phantasien also, die in je unterschiedlicher Form ein jeder von uns hat. Sind sie auch gesellschaftlich zugerichtet, ist also gerade der Begriff von Charakter und Schönheit Klischee, so ist das eigentliche an ihnen nicht tilgbar: Die Sexualität.
Denn die ihnen zu Grunde liegenden Triebe sind eben auch das was einen Menschen zum Menschen macht:
Gefühl(und Verstand), auch eine Form der Projektion- zur Anregung, Lustgewinn und.....ja, auch der Fortpflanzung.
Der Vorwurf an Mr.X wäre also nicht, das er solche Gedanken hat, sondern allenfalls seine plumpe, direkte Darstellungsweise im Rausch, die im begrenzten Rahmen in der Öffentlichkeit statt findet.

Warum aber spätpubertierende Vorstellungen auf solch fruchtbaren Boden fallen, sich zum kurzzeitigen Bindemittel eines dauergelangweilten Schülerkollektives entwickeln, und so wieder doppelt negativ gegen den Urheber werden- das ist an den Windmühlen abzuarbeiten.
Welcher verdeckte Grund mochte hinter Entscheidung gestanden haben, die Peinlichkeiten zu filmen- Das klammheimliche Bewusstsein, noch selbst mit 18 Jungfrau zu sein? Schlechter Sex und das Unvermögen es einzugestehen der Antrieb, sich derart mit dem „Gesagten“ von Mr.X zu beschäftigen?
Warum haben sich die im „Gesagten“ erwähnten Personen derart einseitig über Mr.X aufgeregt, statt über diese, die es veröffentlichten?

Als hätten sie nicht insgeheim das gleiche gedacht, die sie das Handy auf record stellten.
Vernünftig allemal wäre, das „Gesagte“ auf sich beruhen lassen, ihm nicht mehr als ein Lächeln zu schenken,
oder:Was einen aufregt, zu kritisieren, vis a vis.
Das wäre angemessen- Was aber passierte, dass in ziemlich jeder Unterrichtsstunde nach der Kursfahrt über Mr.X in selbstgefälliger Art hergezogen wird, ist nicht vernünftig, denn normal, noch menschlich: Es ist einfach Scheiße! Kinderkacke!
Es verrät, wie es in Köpfen unseres Jahrgangs tickt.
In einer solchen Atmosphäre ist die Existenz der Differenz verneint, mit dem Bewusstsein, dass jegliches Fehlverhalten, jeder abnorme Fehltritt bestraft wird- so ergeht es dem, der anders ist, der, dem noch nicht das Mäntelchen asozialen Sozialität übergeworfen wurde, den Schwachen, Hässlichen, Dicken, Schwulen, Ausländern...und dem Kritiker.
Und es geht viel weiter, denn im tiefsten Inneren weiß ein Jeder- `Auch ich könnte Mr.X sein.´
Die Angst, Mr.X zu werden, das Opfer, der Looser, schlägt um in den ständigen Verweis, das ständige Zeigen auf den, der Mr.X sei, oder noch sein könnte. Fröhliche Urstände feiert die Bande! Die Folge ist eine Abstumpfung der Sinne, der Selbstentscheidung, die geprägt ist von endloser Langeweile, der Wiederholung des Immergleichen und der riesigen inneren Leere, die ohnmächtig macht, weil man auch unfähig ist sich einzugestehen: Ich bin zu einem Teil auch selbst an diesem Elend schuld, meinem eigenen wie dem der anderen.
Die Menschen werden einander immer fremder, je mehr sie zwanghaft gleich werden!!!
Vernünftig ist: Selbstkritik üben, um diese falsche Komödie zu beenden, die sich wie das schlechte Fernsehprogramm immer wiederholt und nicht endet, bevor man feststellt: Ich selbst kann sie auch beenden.
Wie auch die unsägliche, wahrhaft volkstümliche Comedia, an der nun bald die halbe Schule, Schüler wie Lehrerschaft, beteiligt ist.
Vernünftig wäre, statt über den herzuziehen, der (und das dürfte wohl auch im Video herausgekommen sein) den „Erwähnten“ das unbedingte Recht zur Selbstentscheidung der Sexualität zugestand; In einer kurzen Passage sogar eingestanden hat, dass sein Wunsch mit der Realität unvereinbar ist(Wenn ich weiblich wäre...) und die Sexualität an sich nicht verdrängt und in blinden Hass bei anderen bekämpft-
Kritik wäre an die zurichten, bei denen dich ein Sprachverfall zeigt, der die Kommunikation auf die barbarischste Unbarmherzigkeit reduziert hat, an „Kerle“ die ihre Freundinnen „Fotze nennen und behandeln, als wären sie Tier, gehörig, willig, untertan.
Sich zum Beispiel darüber zu erschrecken, dass an einem anderen Ort, aber zur gleichen Zeit einem Mitschüler ein Flugzeug nach Auschwitz gewünscht worden ist und ein Becher Urin über den Kopf gekippt werden sollte.
Sich also Erschrecken über einen Charakter, den Adorno einmal passend mit „gewitzigter Stupidität“ bezeichnet hat. Ein verhärtetes Subjekt, unfähig, Schwäche zu zeigen, geschweige denn, sich selbst in irgend einer Art zu kritisieren.

Die Forderung, hier und jetzt. Nehmt das Video aus dem Netz!

Der letzte Akt ist eröffnet,
Don Quixote

Pünktchen. Komma, Strich- Beitrag zur Kastration der Massenverdummung

A:1/Frühjahr 2007
1.3.09 10:37
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Sascha (23.7.09 14:32)
Der Text ist stark. Großes Lob.

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