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Mr.X und seine Peiniger

Bekanntlich war der Angriff des Don Quixote de la Mancha auf die widerspenstigen Windmühlen vergeblich- er versuchte es trotzdem. Könnte man ihm, dem tollpatschigen Antihelden, Ritter in eigener Mission, noch symphatische Naivität unterstellen, bleibt einem bei der schaurigen Abgeklärtheit der Windmühlen die Spucke weg- bei ihnen kommt noch jeder unter die Räder.
Wie die fiktiven Welten eines literarischen Textes nie ganz für sich sind, sondern je die Übertragung eigener Erlebnisse und Erfahrungen eines Autor, so auch die Windmühlen nicht sinnfreies Objekt für den Verwirrten- sind nun auch sie notwendige Empfänger für Hohn, Spott und...Kritik?
Neben Cervantes Don Quixote de la Mancha steht auch die „Comedia“ für die Merkmale des „siglo de oro“, Das Goldene Zeitalter der spanischen Literatur- Kaum treffender ähnelt die Form der Comedia den Ereignissen, die sich auf und nach der Kursfahrt der zwölften Klasse des Luckenwalder Gymnasiums im Jahr 2007 zugetragen haben.
„Comedia“(=Schauspiel):
Komisches wird mit Tragischem vermischt, die Anzahl der Akte wird auf 3 festgelegt, Einheit von Ort und Zeit werden nicht gefordert, die Stoffe sind volkstümlich.

Das die spanische Klassik ausgerechnet auf einer deutschen Kursfahrt ihre späten Trümpfe bringt, hat Gründe:
Da bot sich als Kulisse der Comedia „Mr.X und seine Peiniger“ Barcelona als spanische Perle geradezu an- die Einheit von Ort und Zeit brach hingegen der erste Tag nach einer fröhlich blauen Woche:
Da rumorte es nämlich gewaltig- zwischen Tischnachbarn, Bänken, Stühlen, Lehrern- und einer saß dazwischen, für den die falsche Komödie zur kränkenden Tragödie wurde- Lachen aber, und das ist ihre Umkehrung, müsste man gerade über die Windmühlen und ihre Müller, denen es ständig nach neuen Körnen für die Befriedigung ihrer Sensationsgier lechzt. Ob nun auch der Kritiker gemahlen wird, ob seine Lanze zerbricht unter den Mühlsteinen, das ist es, was diese Zeilen wissen möchten.
Mögen also auch die Leser ihr Käppchen zur Debatte aufsetzen, der es im Endeffekt darum geht:
Die Zurschaustellung eines Opfers, das, umstellt von einer Horde gackernder Hühner, noch dem Letzten an Würde beraubt wird- der Selbstentscheidung, was von seinen Peinlichkeiten in den Tratschstall der Verdummten dieser Erde gestellt wird.
Die Kritik richtet sich also weniger an den, der die sonst einigermaßen gut versteckten sexuellen Vorstellungen im Suff Preis gab- sondern an diejenigen, die ihn unter Ausnutzung seiner Situation(die des Alkohol bedingten Rede Drangs) ausfragten, - bis in das intimste Detail hinein-, das „Gesagte“ filmten, und Mr.X damit einem Mob auslieferten, dessen unheilvolle Spitze sie waren, der sich an seinem sprachlichen Missgeschick aufzog und keinerlei Rücksicht nahm auf seine Gefühle, auf sein Befinden- ihn also komplett entmenschlichte.
Das ist der Skandal, aber Akt für Akt.

Der Auslöser der „Comedia“ war eine Video- bzw. Tonbandaufnahme, die nach der Kursfahrt in das
World Wide Web wurde- 150! Aufrufe bereits nach wenigen Tagen- in der der Gegenstand des Interesses war:

Ein Schüler betrinkt sich auf der Kursfahrt.; In einer ekelhaften Kumpelart a la „Wir sind doch hier unter uns“ wird seine Unerfahrenheit im „Normal“verhalten Brandenburger Schüler ausgenutzt- Saufen, Ärgern, an Nichts aber auch gar Nichts Schuld sein.
Während der „Interviewer“ unter ständigem Nachfragen das Erzählen sexueller Phantasien seitens Mr.X provoziert, der in einer, gewiss, Naivität, in jedes Fettnäpfchen tritt, dass man ihm vorbereitet, kommentiert im Hintergrund eine Stimme das zu erwartende Gedachte der späteren Zuschauer: „Oskarreif“!
Dabei steht das „Gesagte“ nicht in einseitigem Verhältnis zum Erzähler, sondern Art und Weise, wie und warum sich das „Gesagte“ `verselbstständigt´ hat, lassen Rückschlüsse auf die zu, die sich darüber in scheinheiliger Art mokieren.

Grob ließe sich das „Gesagte“ derart zusammenfassen:
Die Darstellung triebhafter Phantasien in Sprachform. Bezug zu realen Personen(weiblich), Einteilung der Personen nach dem gängigen Schönheitsideal in „schön“ oder weniger „schön“, sowie deren Charakter.
Phantasien also, die in je unterschiedlicher Form ein jeder von uns hat. Sind sie auch gesellschaftlich zugerichtet, ist also gerade der Begriff von Charakter und Schönheit Klischee, so ist das eigentliche an ihnen nicht tilgbar: Die Sexualität.
Denn die ihnen zu Grunde liegenden Triebe sind eben auch das was einen Menschen zum Menschen macht:
Gefühl(und Verstand), auch eine Form der Projektion- zur Anregung, Lustgewinn und.....ja, auch der Fortpflanzung.
Der Vorwurf an Mr.X wäre also nicht, das er solche Gedanken hat, sondern allenfalls seine plumpe, direkte Darstellungsweise im Rausch, die im begrenzten Rahmen in der Öffentlichkeit statt findet.

Warum aber spätpubertierende Vorstellungen auf solch fruchtbaren Boden fallen, sich zum kurzzeitigen Bindemittel eines dauergelangweilten Schülerkollektives entwickeln, und so wieder doppelt negativ gegen den Urheber werden- das ist an den Windmühlen abzuarbeiten.
Welcher verdeckte Grund mochte hinter Entscheidung gestanden haben, die Peinlichkeiten zu filmen- Das klammheimliche Bewusstsein, noch selbst mit 18 Jungfrau zu sein? Schlechter Sex und das Unvermögen es einzugestehen der Antrieb, sich derart mit dem „Gesagten“ von Mr.X zu beschäftigen?
Warum haben sich die im „Gesagten“ erwähnten Personen derart einseitig über Mr.X aufgeregt, statt über diese, die es veröffentlichten?

Als hätten sie nicht insgeheim das gleiche gedacht, die sie das Handy auf record stellten.
Vernünftig allemal wäre, das „Gesagte“ auf sich beruhen lassen, ihm nicht mehr als ein Lächeln zu schenken,
oder:Was einen aufregt, zu kritisieren, vis a vis.
Das wäre angemessen- Was aber passierte, dass in ziemlich jeder Unterrichtsstunde nach der Kursfahrt über Mr.X in selbstgefälliger Art hergezogen wird, ist nicht vernünftig, denn normal, noch menschlich: Es ist einfach Scheiße! Kinderkacke!
Es verrät, wie es in Köpfen unseres Jahrgangs tickt.
In einer solchen Atmosphäre ist die Existenz der Differenz verneint, mit dem Bewusstsein, dass jegliches Fehlverhalten, jeder abnorme Fehltritt bestraft wird- so ergeht es dem, der anders ist, der, dem noch nicht das Mäntelchen asozialen Sozialität übergeworfen wurde, den Schwachen, Hässlichen, Dicken, Schwulen, Ausländern...und dem Kritiker.
Und es geht viel weiter, denn im tiefsten Inneren weiß ein Jeder- `Auch ich könnte Mr.X sein.´
Die Angst, Mr.X zu werden, das Opfer, der Looser, schlägt um in den ständigen Verweis, das ständige Zeigen auf den, der Mr.X sei, oder noch sein könnte. Fröhliche Urstände feiert die Bande! Die Folge ist eine Abstumpfung der Sinne, der Selbstentscheidung, die geprägt ist von endloser Langeweile, der Wiederholung des Immergleichen und der riesigen inneren Leere, die ohnmächtig macht, weil man auch unfähig ist sich einzugestehen: Ich bin zu einem Teil auch selbst an diesem Elend schuld, meinem eigenen wie dem der anderen.
Die Menschen werden einander immer fremder, je mehr sie zwanghaft gleich werden!!!
Vernünftig ist: Selbstkritik üben, um diese falsche Komödie zu beenden, die sich wie das schlechte Fernsehprogramm immer wiederholt und nicht endet, bevor man feststellt: Ich selbst kann sie auch beenden.
Wie auch die unsägliche, wahrhaft volkstümliche Comedia, an der nun bald die halbe Schule, Schüler wie Lehrerschaft, beteiligt ist.
Vernünftig wäre, statt über den herzuziehen, der (und das dürfte wohl auch im Video herausgekommen sein) den „Erwähnten“ das unbedingte Recht zur Selbstentscheidung der Sexualität zugestand; In einer kurzen Passage sogar eingestanden hat, dass sein Wunsch mit der Realität unvereinbar ist(Wenn ich weiblich wäre...) und die Sexualität an sich nicht verdrängt und in blinden Hass bei anderen bekämpft-
Kritik wäre an die zurichten, bei denen dich ein Sprachverfall zeigt, der die Kommunikation auf die barbarischste Unbarmherzigkeit reduziert hat, an „Kerle“ die ihre Freundinnen „Fotze nennen und behandeln, als wären sie Tier, gehörig, willig, untertan.
Sich zum Beispiel darüber zu erschrecken, dass an einem anderen Ort, aber zur gleichen Zeit einem Mitschüler ein Flugzeug nach Auschwitz gewünscht worden ist und ein Becher Urin über den Kopf gekippt werden sollte.
Sich also Erschrecken über einen Charakter, den Adorno einmal passend mit „gewitzigter Stupidität“ bezeichnet hat. Ein verhärtetes Subjekt, unfähig, Schwäche zu zeigen, geschweige denn, sich selbst in irgend einer Art zu kritisieren.

Die Forderung, hier und jetzt. Nehmt das Video aus dem Netz!

Der letzte Akt ist eröffnet,
Don Quixote

Pünktchen. Komma, Strich- Beitrag zur Kastration der Massenverdummung

A:1/Frühjahr 2007
1.3.09 10:37


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Das Dichten ist manchmal ein Schwieriges, ein Haare Sträubendes zuweilen, welches den, der dieses Handwerk ausführt- mich, den man den Dichter nennt- zum zumindest kurzfristigen Wahnsinn führen kann; Stellt sich beispielsweise im Lauf einer längeren Epoche der Arbeit ein rhythmisches Gefühl zum Schreiben ein- schrieb ich demnach lyrische Prosa, wunderschön möge man meinen, aber anstrengend, weil der Verlauf der Gedanken- des Inhalts- von der Form zum gleichen Teil hervorgebracht wird und dies ein geistiger Kraftakt ist, der dem Stemmen von Gewichten doppelt gleicht: Dem Herausheben empirischer Momente der objektiven Welt durch den „Blick“, die Spekulation über eine sinnvolle Verbindung, die im Geiste ein sich wage abzeichnendes Gebilde bildet, und dann dieses Gebilde gebären, herauspressen durch formbildende Konzentration beim Schreiben- breche ich zu Weilen unter dieser Last zusammen. Die Form, die mir sehr wichtig ist, wird vom alles durchdringenden Versmaß bestimmt, und dieser, in einer Novelle oder dergleichen sich festtretende Versfuß kann nicht einfach, weil der schöpferische Strom versiegt(soll heißen, wenn ich müde bin), abgeschüttelt werden, um sich frei und fröhlich dem Inhalt hinzugeben: die Haare sträuben sich, wie ich am Anfang ja erwähnte, dagegen. Das ist die Tragik des Formgefühls. Sätze wie der über eine objektfixierte Töpferin:
„Nicht das ihre Hände ungeschickt mit dem Werkstoff hantierten, mit der formlosen Masse aus Ton, die, wie der Komponist die Symphonie, sie zur schönsten Gestallt auf der rotierenden Scheibe bringen konnte“ haben etwas befreiendes, sind sie formuliert, brachte man zum Ausdruck, zur „Form“, was eben vage als Möglichkeit in einem lag, und sind gleich dem auch eine Verpflichtung, man steht in einer Schuld des formulierten Gedankens, und diese muss man abtragen, muss bis zum Schlusspunkt die Konzentration halten. Unschwer nachzuvollziehen, dass diese Mühe verzweifelt machen kann, reicht die Kraft an einem Tag nicht aus, das Werk- dass begonnen geworden, um zum Ende gebracht zu werden, hinaus in die Welt geworfen um dort lebendig zu werden- fortzuführen. Ich entscheide mich in solchen Fällen für eine Zwischenlösung, den geistigen Konflikt auszuhalten: Sie heißt Koffer. Ich besitze einen alten, an einigen Stellen beschädigten, rostenden Handkoffer, braun, aus Leder, alt, sagte ich schon- ich denke sehr alt, weil an der besagten Ortsstelle(gesagt in seinem Innenleben als kleines Ettikett mit Name und Adresse) das Haus dieser Firma nicht mehr aufzufinden war. Meine nicht fortgeführten Werke sind also der Zwischenlösung ähnlich, ihre Adresse stimmt nicht mehr, sind Überbleibsel abgebrochener Arbeitsprozesse und werden irgendwann vielleicht von Hobbyphilologen ihrem möglichen Sinn lauschend nachkonstruiert: Was hätte der Autor hier wohl meinen können. Sie landen also im Koffer, den ich eines Morgens, und hier möchte ich bekennen, dass dies wieder eine meiner scheinbar nie enden wollenden Einleitungen war, in meiner rechten Hand trug, um in solcher Verwandlung in die Welt zu treten, auf der Suche nach meinen verlorenen Stoffen und der Heimat des Koffers.
1.3.09 13:12


Der Lächelnde

Am Morgen, stundenlang, vorm
Spiegel: ein Gesicht, morgentliches Menschenantlitz
spiegelt sich; Seiten vertauschen sich, Pony verb-reitet sich
von links nach rechts- von rechts nach links kämmt
der Kamm, streicht das Haar glatt und fein, streifet
das Äugelein, linkes, das rechts: sich aus dem Spiegel
reckt; Wimpernspagat. Morgens halb Acht
lächelt der Lächelnde lächelnd sich an.
1.3.09 16:20


Einen Bärenhunger haben

Die Winterzeit hat es so an sich, die überladenen Sommererlebnisse verblassen zu lassen- so versinkt auch eine Anekdote bald in Vergessenheit, welche, oft erzählt, zu den Meilensteinen satirischer Vermischung eigener Realität und schnöden Alltagsgeschehen im deutsch-demograusamen Fernsehprogramm gehört.
Die Geschichte vom Doppelmord an Bruno, dem dicken, Schäferstündchen haltenden Braunbären, dem Ersten seit 170 Jahren, der das Land der Eichen und Denker besuchte.
Beide Morde lösten eine Welle der Entrüstung aus- der noch nicht an Informationsüberflutung bedingter Amnesie leidende Leser möge sich noch erinnern- dem einen Mord in einem beschaulichen bayrischen Wald antwortete ein rasender Mob stadthafter Naturfreunde. Die Jäger, die dem kleinen süßen mordlüsternen Bären eine Kugel schenkten, standen am öffentlichen Pranger und waren die Zielscheibe wüster Todesdrohungen.
Ganz Deutschland schien über den österreichischen Braunen zu trauern, und doch, trotz Hinweise, man möge doch die Fahnen in Bayern wie in der Back To Nature Republik Germany auf Halbmast setzen, wehten im Rausche der Fußballweltmeisterschaft unzählbare schwarz-rot-goldene Lappen. Die braune BarBärei, der massenhaft unschuldige Bauernhoftiere zum Opfer fielen, wurde in Deutschland wie immer lautstark bejubelt.
Was viele nicht wissen, dass der Mord an Bruno dem Bären nur vorgetäuscht war, und dem ersten, gestellten Mord ein zweiter folgte- nun, die Rolle der Wilderer im Namen der Zivilisation fiel letztendlich uns zu.

Es war diesem herrlichen Sommer eigen, die Antriebskraft der Reiselust in Gang zu setzen. Das Campen war auch schon von jeher die einfachste Möglichkeit, diesen unbegründbaren Trieb zu befriedigen, und im Schatten brandenburgischer Kiefern schlugen wir unsere Zelte auf. Da war sie, der Traum einer unberührten ostdeutschen Idylle- der FKK Bereich war noch intakt, bierbäuchige Dauercamper lagen faul auf echt deutsch demokratischen Liegestühlen, und in einen weißen Plastikstuhl gezwängt, saß da am Camping Eingang ein übergroßer Stoffteddy.
„Das ist aber ein großer Bär“ sagte ich zum Campingplatzpapa.
Einem beharrten, wohl fast fünfzig jährigen Wesen mittelgroßen Baus, das immer eine Schaufel auf seinem Rücken trug, und das mit seiner lahmen Sprechweise, die etwas an fortschreitende Hinterwaldverblödung erinnerte, eine perfekte Karikatur eines deutschen Michels abgab.
„Das ist Bruno der Bär, wir haben ihm Asyl gewährt“
Oh ja, ich bin in einem Brandenburger Asylbewerberheim gelandet, nur leider gefüllt mit echten Brandenburgern und einem Bären, der ein überbreites Grinsen aufgesetzt hatte.
Wie leid sie mir taten- besonders Papa, dessen labbriges rosa T-Shirt mich an die Altkleiderspende erinnerte. Nein, so was- wie fühlt man sich nur mit diesem Ding, da tropft ja der Schweiß raus.
„Asyl? Das ist aber großzügig von ihnen. Hat er auch schon ein paar Tiere verspeist?“ Ich deutete auf den Camp eigenen Streichelzoo.
„Nein“ er schüttelte bestimmt den Kopf, „Bruno ist ein ganz friedlicher Bär.“
Thomas kam daher, begutachtete den Bären, sah mich, und fragte Papa:
„Was bitte ist das?“ Er zeigte auf den Grinsebären.
„Das ist Bruno der Bär, wir haben ihm Asyl gewährt.“
„Ach wirklich?“ Wir versanken in der Betrachtung des starken Bären.
„Der ist aber ganz schön dick. Hat er schon ein paar der Ziegen gefressen?“
Papa, ganz besonnen:
„Nein, Bruno ist ein ganz friedlicher Bär.“
„Und was frisst so ein...Tier?“
„Die Unterwäsche der Dauercamper“ flüsterte ich.
„Nur gesundes Gemüse“ antwortete Papa.
Ich wusste, bereits, als ich sein hämisches Grinsen das erste mal mitbekam, dass hier eine Feindschaft zwischen uns vorlag. Vorerst, klar, machte ich gute Miene zum bösen Spiel, aber- so wirst du mir nicht davon kommen, Bruno. Ich weiß um dein schreckliches Geheimnis- und, ich werde der Rächer deiner unschuldigen Opfer sein.

Im Laufe unserer Anwesenheit wurden wir nicht wenig bekannt- es ging das Gerücht unter den alt eingesessenen Campern um, dass wir ganz unsittliche Geister wären. So hatten wir uns schon nach zwei Tage etliche Ruhstörungen eingehandelt, eine geknickte Laterne, ein kaputtes Leihfahrrad, süßlicher Duft von verbrannten Grünzeugs, und eben eine Form der Sodomie, die man uns wohl am übelsten nahm- dem Mord am Maskottchen.
Zu bemerken wäre, dass wohl die meisten Unfälle auf meine Wenigkeit zurückzuführen waren, einschließlich dem Vorhaben, einen großen Müllberg aus Dosen, Flaschen und altbackenen Brötchen entstehen zu lassen.
Mein Namenspartner Timor- von mir spaßhaft verächtlich nur Timor II genannt- bemerkte dazu, dass es seitdem auf dem Campingplatz bis zum Himmel stinke. Darum waren die Ordnungsmenschen unserer Gruppe auch ganz eifrig dabei, mich zu tadeln, und gaben mir den Hinweis, dass die Campingmama- richtig, die gleichfalls blöde Frau von Papa- bereits ein Auge auf uns werfe.
Mama hin, Papa her, eines jedoch behielt auch ich noch im Auge, und ich hatte dabei eine Gehilfin, im Doppelpack bereiteten wir uns eines Abends auf die schändliche Tat vor- in dem wir zusammen eine Flasche Ouzo leerten und unserer nüchternen Urteilsfähigkeit beraubt, den Weg zum Campingeingang hinauf liefen.



Ich sagte noch: „Sieh doch, dort sitzt Bruno der Bär“, als meine etwas höher gewachsene Freundin Gerda, im Rausche des Gefechts und mit einem „der dumme, grinsende Bär starrt mir genau auf die Brüste“ auf den Lippen dem Braunen einen tritt in die Genitalien gab.
Puff
„Das hast du nun davon, du dummer Bär“ und ich war stolz und zugleich neidisch auf Gerda, die sich gewagt, was ich mir in meinen wildesten Träumen nur ausgemalt hatte. Das Ding war, natürlich, noch am Leben und es mangelte ihm nur an Worten, seine Wut über uns auszudrücken- hätte er seine animalischen Triebe aktiviert, wäre er samt seinem Versteck für überfütterte Dauersträflinge( ihr wisst schon, die bierbäuchigen Ossicamper) aufgeflogen. Er unterdrückte seinen Ärger, und grinste uns nur weiter frech in die Augen.
Was sollte es. „Du, Gerda. Ich glaube, ich muss mal...“ Sie nickte nur verständig und ging einen Schritt zur Seite.
Ich nahm Anlauf, holte mit meinem rechten Bein aus und trat Bruno, treffsicher und gekonnt- vielleicht sollte ich doch Fußball spielen?- in die... Schamgegend. Er griente noch immer.
„Ich auch noch mal“ und wieder: puff- währenddessen streichelte ich dem Bären brav die Wangen und gab ihm eine Backpfeife.

„So, das genügt“ sagte Gerda schließlich, doch schon im Abgang begriffen, drehte ich mich noch einmal um, und gab dem Bären eine Salve von Eiertritten, dass es nur so krachte- „da, sieh doch“ und Gerda deutete auf seinen Schritt, aus dem kleine weiße Schneeflocken raus fielen“
„Ist er gekommen?“
„Die Nähte, sieh doch, die Nähte sind geplatzt“ Ich wollte gerade noch eine zweideutige Anspielung über die Sexualfunktion der maskulinen Tiere machen, als mir der Ernst der Lage bewusst wurde.
„Er ist tod“ sagte Gerda schließlich und mühte sich vergebens die Wunde zu verdecken, in dem sie das weiße Pappmache in das Loch stopfen suchte.
„Um so besser“ und nachdem wir die Wunde notdürftig geschlossen hatten, machten wir es uns auf einem kleinen Ruderboot bequem.
Wir beschlossen den Abend mit einer Plauderei, während wir im geradezu magischen Vollmondlicht den Alkohol austranken, hin und her geschwenkt wurden im Spiel der Seewellen, und zu einer frühen Stunde endete unser Mordkomplott auf unseren Schlafsäcken.
Der nächste Morgen war die Hölle.
Thomas erwachte als erster, und, indem er in meine verquollenen Augen starrte,: „Was hast du gestern noch gemacht?“
„Naja, ich habe mich mit Gerda betrunken und dann... . Nein, dass erzähl ich dir ein andern mal.“ „Nein, jetzt sag mir schon, was habt ihr gemacht?“
„Ich werde es dir noch sagen“ „hm“, murmelte er und warf mir noch einen verdächtigen Blick zu. Dann verließ er das Zelt und trat in die Morgensonne hinaus.
Ich lag noch eine Weile halbtrunken im Schlafsack, als die Tat an dem braunen Sack, dem man in die Säcke getreten hatte, Furore machte.
Als erstes vernahm ich nur eine leise, quietschende, aber leider eindringlicher werdende Stimme.
Einer unserer Camperinnen verkündete außer Atem: „Jemand hat Bruno den Bären ermordet. Das ganze Camp ist auf den Beinen und beschuldigt uns, den Bären getötet zu haben. Die Campingmama ist stinksauer auf uns und hat gedroht, uns vom Platz zu werfen“
Das Getuschel ging los.
„Psst, was hast du letzte Nacht noch gemacht.“ „Nichts, und du?“ „Auch nichts.“
Einer- gut, Eine konnte sich natürlich nicht zurückhalten, und rief prompt aus:
„Das war bestimmt Timor!“
Ein Junge aus dem Nachbarzelt aber blockte ab: „Timor ist gestern vor mir eingeschlafen, der kann es gar nicht gewesen sein“ Ich musste mir das Lachen verkneifen, und dem unheimlichen Glück dank dem einmaligen Fall einer Namensverwandtschaft huldigen, das mich vor unnötiger Fragerei verschonte.
Timor II: „Nein, Timor lasst mal bitte aus dem Spiel!“
Im Chor: „Wer dann, wer dann. Wenn es Timor nicht war, wer kommt dann in Frage
Thomas stürmte in das Zelt.
„Hast du Bruno den Bären getötet?“
„Nicht so laut“
„Hast du Bruno den Bären getötet?“ flüsterte Thomas leise.
„Gerda hat angefangen!“ gab ich ihm zur Auskunft.
„Sie hat mich gezwungen, kann man sagen. Er hat ihr direkt auf die...“ ich schaute aus dem Zelt, ob jemand lauschte „...Brüste gestarrt!“
„Oh man, ihr macht Sachen“
„So leicht, wie der Bär kaputt geht, ist der sicher made in China“
„Du bist hier in Brandenburg, Timor. Der ist ganz sicher made in GDR!“
„Naja, jetzt haben ihn die Maden“
„Hach, der ist schon wieder wie neu. Eine fleißige Campingmama weiß, wie man Bären flickt.“
Zorn stieg in mir auf.
„Und jetzt?“ fragte Thomas.
„Schweigen!, oder gewisse Leute unserer Reisegruppe machen mit mir genau das gleiche, wie wir mit Bruno“.

Auf den Weg zu den Waschkabinen traf ich auf Papa. Er hatte wie gewohnt eine Schaufel in der Hand(mich hätte es nicht gewundert, wenn sie das Stoffmonster beerdigen würden) und, als ich ihn freundlichst gegrüßt hatte:
„Jemand hat Bruno den Bären ermordet“ warf er mir in einer weinerlichen Stimme vor.
„Mit so einem Messer“ und er malte mit seinen Händen ein 50 cm langes imaginäres Messer in die Luft.
„Wer macht denn so eine abscheuliche Tat?“
„Ja, wenn ich das wüsste. Mit so einem Messer, sage ich dir- SO EIN MESSER“
Ich ließ den armen, verwirrten Mann stehen und ging meines Weges.
Ich traf auf die Mama.
„Guten Tag“
„Guten morgen“
„Geht es dem Bären besser?
„Ich habe ihn genäht. Das war nicht schön von euch“
„Von uns? Wieso von uns? Die meisten in unserer Gruppe sind sogar Vegetarier. Weiß man denn, wie es wirklich war?“
„Ja, schon gut“ und als sie weiter ging hörte ich sie noch sagen: „Mit so einem Messer. So ein Messer“
Die Camper sahen uns alle schief an. Sie schöpften Verdacht, ganz klar. Besonders die dicken, Brust beharrten unter ihnen.
Da war es nun- das Gerücht der Bärenmörder. Es ließ uns die restliche Aufenthaltzeit auf diesem Campingplatz nicht mehr los. Schlimmer noch- es verbreitete sich über die ganze Republik, und jeder verdächtigte jeden.
„Haben sie Bruno ermordet?“
Trauermärsche, Kondolenzbücher, das große Bärengedenken brach nicht ab.
Dann saßen wir im Kreis, ich war ganz unbekümmert, als ein Mädchen unserer Gruppe den Kopf zu mir herüber drehte und die Frage stellte: „Timor- hast du wirklich nicht Bruno ermordet?“

Ich konnte es nicht mehr unterdrücken- ich brauch aus in Gelächter, sah noch, wie sich die Gewitterwolken um mich zusammenzogen, und gestand unter lauter Geschimpfe die schändliche Tat.
1.3.09 22:14


Eine Nacht in Krakau

Ich erwachte in dieser Nacht vom Fieber, dass mich am Abend niedergestreckt, zu oft und in meinen Augen spiegelte sich die Tortur wieder und wieder ein jedes Mal, als ich erneut vor dem kleinen, goldumrahmten Spiegel stand, der über dem Waschbecken hing: immer tiefer grub sich die Müdigkeit in mein Gesicht, und im schwachen Lichtschein, der von der Straßenlaterne kam, fand ich mich ausgesprochen hässlich.
„Schau nur, wie hässlich du bist“ flüsterte ich beim dritten Mal und schämte mich meiner- in der imaginierten Gegenwart anderer. Die einzige Person in dem kleinen, karg eingerichteten Zimmer einer Jugendherberge im polnischen Krakau, ein vielleicht Siebzehn jähriges „nicht mehr“ Mädchen und noch nicht Frau Wesen und doch beides in ausgesprochen unharmonischer Weise zugleich- schlief und konnte mit ihren verdeckten Augen mein von ausklingender Akne durchfurchtes Antlitz, in dem ein ordnungsloser Urwald Bart wucherte, nicht kritischen Blickes mustern.
Ihre Kritik, so bildete ich mir ein, hätte mich zerbrochen und mein gebrochenes Antlitz, wie die Scherben meines Spiegelbildes, hätte sich nicht mehr zusammengefunden.
Genug, dachte ich mir und wandte mich ab von der Erscheinung einer Erscheinung, zog den Vorhang zur Straße zu, um das Licht zu dimmen (und die Hässlichkeit mit dem Licht aus dem Raum zu verbannen), und setzte mich auf das Bett, ein zögernder Moment der letzten, hoffentlich letzten Reflexion, nach der ich dann doch noch von der Müdigkeit zu Bette gerungen werden würde.
Ich irrte mich gründlich, denn hatte alles genau , wie ich doch noch zur Ruhe finden würde, war der Grund zu sehr außer mir: Ich bedachte nicht, dass die Person neben mir -eine geborene Erzieherin- den Rahmen meiner inneren Ruhe während der Woche dieser Reise bilden sollte:
„Ruhe“ schrie sie und ein Paukenschlag donnerte durch den Raum, der kaum verklungen, das Vorspiel für die Triller, für ihr absatzloses Schreien und Schimpfen einer Trillerpfeife gab, wobei mein Gehör erst wieder einsetzte, als sie mit den Worten „will schlafen“ so unvermittelt ins Bett plumpste, wie sie, noch nachhallend durch meine ganzen Körperfieber, plötzlich aus dem schlafenden Nichts aufgetaucht war; Ich starrte an die Wand. Der Spiegel war zerbrochen, meinte ich, ganz Krakau müsste aufgewacht sein, alle Scheiben zersprungen.
Alles war noch ganz; Dann war nur mein mühsam hergestellter Seelenfrieden für eine Nacht zersprungen, mein Selbstbewusstsein, mein Gewissen: ein Scherbenhaufen.
Ich brauchte eine Stunde, um mich davon zu überzeugen, dass das Verbrechen, welches ich ihr zufügte- Ruhestörung- eine solche Strafe nicht rechtfertigte.
Nach einer Stunde schlief ich ein; Nach einer Stunde wachte ich auf. Es war gegen Acht, und das erste, was ich im erneuerten Sonnenlicht sah, war ein ins Formlose verschwimmende Gesichtsoval, eine spitze, kleine Nase, eine Brille, durch die langsam zwei blaue Augen mich fixierten, ein leicht verzerrter Mund: „aufwachen“ tönte es heraus.
„Aufwachen!“ und sie schüttelte mich sanft, unsanft, sie zog mir Decke vom Körper, dass ich schutzlos ihren Blicken und ihrem selbstgewissen Urteil ausgeliefert war.
„Ich wollte dir nur mal zeigen, wie das ist, was du heute Nacht gemacht hast“ sagte sie, setzte sich auf ihre Doppelbettseite und legte sich wieder nieder, den Kopf auf ihr „Hab dir ganz doll lieb“ Kissen gedrückt.
Ich starrte an die Zimmerdecke. Da lag sie nun wieder: ihre Gesichtszüge hatten immer etwas bizarres an sich, als hätte sie den Zwang, den sie auf mich ausübte, vorher an sich ausgeführt, um ihrer Mutter, von der sie unablässig sprach, während sie mich zur Ordnung mahnte- was allerdings das genaue Gegenteil bewirkte- nachzueifern, zu übertrumpfen, wenn es darum ging, ihr persönliches Recht, das Vorrecht auf richtiges Benehmen durchzusetzen. Lächelte sie, dann fehlte ihr die kleine Portion mimische Freiheit, die jedes Lächeln einmalig machte- bei ihr war es ein immergleiches Grinsen, in dem sich eine zum Selbstzweck erstarrte Ordnung ausdrückte; Im Gegensatz verwahrloste ich. Der Inhalt meiner Reisetasche wurde selbstständig und siedelte zwischen Bett und Wand, Tisch und Schrank, bis an die Grenze des Nachbarlandes, die etwa in der Mitte des Doppelbettes lag- so teilte sich der Raum unserer beider Welt in zwei Hemisphären, in denen zwei unterschiedliche Prinzipien vorherrschten: Ordnung und Sauberkeit, penibel zusammengelegte Wäsche und exakt auf eine Linie ausgerichtete Gebrauchsgegenstände; und das Chaos, in dem jedes Ding beziehungslos herum lag, wie ich selbst, und über beide Hälften spannte sich der selbe Himmel, die selbe Decke, war die gleiche Luft einer muffigen Jugendherberge.
8.3.09 22:17


Das geheime Pärchen

In dämmerndem Licht, auf der Straße
zerbricht sich der träumende Knabe den Kopf- in Gedanken.
Ein Pärchen, dass vorüber schritt, im Schritt auch
seine Blicke schnitt, verriet, obgleich
wohl unbewusst, dass zwischen
beide einst der Knabe
sein Begehren
schob;Weil
im Geheimnis
raten ungeübt, der Knabe
sich zu ihr verhielt, als sei sie auf
der Welt allein. Von ihrem Nein gezogen aus der
Zweisamkeit, sah er am Ende schließlich ein, dass manches
in Gedanken schöner klingt, als´s ist.
14.3.09 23:25


Ein Knospensprung, platzt
auf die frühe Blüte, zeigt
von ihrem spät`ren Kleide einen
Streifen: auf dem Baume, Morgen-
frische tropft im Morgentau vom
Aste, nebst der Knospe, die am
Frühtag Frühjahr kündet, hängt
am and`ren Aste, einsam, letztes
Mal der alten Zeit, mit ge-
zacktem Rande- Blatt, ein
Blatt vom vor`gen Herbste
übrig blieb;

Längst gefallen sind, im
Winter, seine einst`gen
Kameraden.

Zweite Fassung

Ein Knospensprung, platzt
auf die frühe Blüte, zeigt
von ihrem spät`ren Kleide einen
Streifen: an dem Baume hängt
am and`ren Aste, einsam, letztes
Mal der alten Zeit, mit ge-
zacktem Rand, ein
Blatt vom vor`gen Herbste,
übrig.

Längst gefallen sind, im
Winter, seine einst`gen
Kameraden.
14.3.09 23:35





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