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Mondscheinsonate

Der erste Teil meiner (Für euch, meine lieben Blogleser, eine Fortsetzungs-) Erzählung über die Geschichte zweier Pianisten.
Viel Spaß

Er steht im Schein des Mondlichts in einer sehr kalten Nacht. Der Schnee fällt beständig auf seinen alten Mantel. Als wäre Zeit ein festgefrorener Zustand, sieht er mit starrem Blick auf ein geschlossenes Tor. Seine Augen richteten sich auf ein goldenes Namensschild.
Das Mondlicht spiegelte sich darin, dass er, leicht geblendet, seinen Kopf wegdreht. Eine Klingel- es läutet. Eine Tür, ein Knarren. Ein alter Mann tritt heraus. Letzter Akt des Dramas, bevor der Vorhang fällt.
Eine Sonate beinah, wie sich der Mondschein über die Gesichter der beiden Greise legt. Der nächtliche Besucher verbeugt sich, hebt seinen Hut und lächelt. Ihre Blicke treffen sich. Der Alte erschaudert. Eine tiefe Narbe überzieht das Gesicht seines alten Rivalen.
I.
Er saß an seinem Tisch, eine Flasche billigen Rotwein trinkend, und betrachtete einen gelblichen Briefumschlag mit großen Augen. Er wagte ihn kaum aufzumachen, zu verwirrend waren seine Gefühle schon jetzt, wie würde er die Nachricht dann erst verkraften, die der Brief als Geheimnis hüllt. Nebenbei, wie sollte er reagieren, besser, wie würde er reagieren, nähert sich doch auch der Rotweinpegel mehr dem Boden der Flasche, einen, der wortwörtlich ein Boden der Tatsachen sein wird.
Er nahm den Brief und hielt ihn gegen das Licht der Glühbirne, um eine leise Ahnung des Inhalts zu erlangen. Aber Nein, nur ein leichter gelber Schimmer. Es nutzte nichts.
Das Raten hatte doch keinen Sinn. Kein Absender, keine Briefmarke, nur in ordentlichem Schriftzug sein Name: Bernie Steinberg.
Ein Blick zu seinem Taschenmesser als Retter seiner Entscheidungsunlust. Ein ebenso gelbliches Büttenpapier wie der Umschlag viel heraus und landete auf seinem Tisch.

Sehr geehrter Herr Steinberg,
betreffs ihrer Teilnahme am Wettbewerb um den Posten des Solopianisten im ehrwürdigen Internationalen Orchesters… Sein Herz begann wild zu Pochen …an welchen sie mit herausragenden Leistungen beteiligt waren,… ER, herausragend, welche Titulierung seiner bescheidenen Beethovenpräsentation …müssen ihnen leider mitteilen… Leider, welch ein Wort der Schmach, des Unterliegens vor einem Stärkeren, Besseren, dem er nur mehr als ein Schatten ist … dass sie nicht erfolgreich den Wettbewerb bestanden haben…
Er ließ den Brief fallen, griff in einem Anflug der Wut seine Weinflasche und schmiss sie gegen die Wand. Scherben fielen zu Boden. Seine alkoholisierten Triebe suchten einen Gegenstand, an dessen Zerstörung sie sich auslassen konnten. Er nahm seinen Spazierstock und schlug die Glühbirne ein. Er stand im Dunkeln, schwankend irrte sein Körper durch das Zimmer, suchte sich einen Hocker und sank nieder, den Kopf auf die Tasten des Klaviers werfend. Sein Bewusstsein stahl der Bruder Alkohol. Schrille Töne durchfluteten den Raum.

Zehn Minuten, zwei Stunden, wer weiß es schon. Mit einem lauten Knall wechselten die Szenen seines Traumes, Schläge auf den Kopf befreiten ihn aus einer Schleife eines sich ewig füllenden und leerenden Rotweinglases, in ein übergroßes Zebra, dass ihm Tritte in den Hintern gab, zu einfachen schwarz-weißen Tasten. Er hob seinen Kopf vom Klavier und guckte zur Tür.

Es klopfte. Frau Dornbusch, die Nachbarin, stürzte herein, mit einer Lampe in der Hand.
„Sie, ach, ist ihnen etwas passiert, mein Lieber?“ Sie musterte ihn am ganzen Körper, betastete seinen Hals und Kopf und machte vorwurfsvolle Miene. „Wieder getrunken, Herr Steinberg? Passt mal wieder zu ihnen. Sich dumm und dämlich saufen, um sich nicht dem Alltag zu stellen. Was war es diesmal. Haben Sie Schulden?“ Sie betrachtete kopfschüttelnd die Glasscherben. „Ich sag es ja immer wieder, mit ihrer Tagelöhnerei und Nachteskapaden werden sie sich noch um Geld und Verstand bringen.“ Bernie warf sich auf sein Bett, schlug die Decke über und drehte sich weg. „Das ist es nicht, Mona.“ Die dicke Frau setzte sich zu ihm aufs Bett. „Ist es die Liebe? Wurdest du zurückgewiesen? Das können mörderische Spiele sein, die unser Herz manchmal mit uns treibt.“ Ihr Blick fiel auf den Brief.
„Was für Gedanken trieben wohl Beethoven, als er seine 9te schrieb, welche des Wahnsinns, Verzweiflung oder der unendlichen Freude, die ihn zu solchem Schaffen brachten.“, sagte Bernie zur Wand.
Frau Dornbusch hob den Brief vom Boden auf. „Ich meine“, fuhr er fort, “ als Tauber zwischen allen Hörenden, die sein Werk genießen, ohne dass er einen der Töne hört, die lieblichen Gesänge vernimmt oder den Jubel über ihn mitbekäme. Ein Wahnsinniger, ein Heiliger“
Mona war vollkommen in dem Brief versunken.
„Das Gefühl muss ähnlich sein dem eines missverstandenen Genies, dessen Zeitgenossen ihn einfach nicht verstanden, der seiner Zeit voraus war. Dessen Schaffen erst verzögert blühte wie Mendels Gesetze oder eben Eric Satie, Meister ohne Ehren, wie schändlich kann die Welt sein, welche Beleidigung fügt sie manchmal dem Schöngeist und Denker zu.“ Er vergrub sein Gesicht im Kissen.
Mona sprang auf. „Aber…“, sie stotterte, “ aber das sind ja wunderbare Nachrichten!“ Sie lachte beherzt und erregte ein verwundertes Aufblicken des Unglücklichen. „Was meint Sie?“, fragte er die Wand. „Hat dich auch der Wahn gepackt?“, diesmal zu Mona.
Frau Dornbusch hielt den Brief hoch und fing laut an zu lesen:
… Sie nicht erfolgreich den Wettbewerb bestanden haben. Erfolg bedeutet nämlich, auf allen Ebenen der Beste zu sein. Und das waren sie nicht. Ich darf ihnen also feierlich verkünden: Sie haben einen ebenwürdigen Konkurrenten. Sie und er sind die zwei Finalisten ihrer Stadt und jeder für sich viel versprechende Talente. Doch ist es nun mal so, dass es nur einen Platz gibt, so Leid es mir tut. .Ich bitte Sie also am 30. dieses Monats, dem lieblichen August, gegen 18:00 im Stadttheater zu erscheinen. Möge dort der Bessere von Ihnen gewinnen.
Ihr sehr geehrter Intendant,
Julius Leitz
Bernie war wie versteinert. „Ist das nicht toll“, rief Mona. Bernie begann zu lächeln. Er hüpfte aus seinem Bett und umarmte Mona. Nach einer Weile der Freude setzte er sich an das Klavier und begann eine heitere Melodie zu spielen. Er sang einen Ton an, Frau Dornbusch stimmte ein.

Der Tor mit seinen üblen Launen,
Aus Dummheit ist so ungestüm
Wärn da nicht mehr der Freundes Raunen
Vergebens wären all die Mühn.

Immer schneller und intensiver schlugen die Tasten, der Gesang hallte durch die Nachbarschaft. Unbekümmert und sorgenlos.
Die Hunde bellten, die Herren und Damen stöhnten, war doch gerade erst der Morgen da.

Der Brief landete schnurstracks im Kamin. Wutentbrannt verkrampften sich seine Hände und krallten sich in die Sessellehne.
„Ebenwürdig“, flüsterte er bitter. Sein rot angelaufenes Gesicht wollte sich nicht beruhigen. Hatte ihn einmal der Zorn gepackt, so ließ dieser ihn auch nicht mehr los. Er hielt ihn gefangen in Fesseln rasender Gefühle.
André suchte eine Ablenkung- ein Roman? Was hilft das schon, würde er vom Glück oder Unglück des Helden noch zorniger werden.
Seine Hände suchten etwas. Er wühlte im Kasten eines Tisches und zog ein silbernes Etui heraus; zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Eine- bald zwei, drei. Der Rauch strömte durch seine Bronchien.
Er stand auf.
„Am 30. August fällt also die Entscheidung“ André verfiel in einen Monolog. „Stellt sich mir doch die Frage- wer ist mein Gegner?“ Er begann hastig durch den Raum zu Laufen. Seine Augen irrten umher- und die Hände öffneten den Deckel des Klaviers. „Der es wagt…“ Er schlug mit der Faust auf die Tasten. „Wagen soll er es“ Sekunden der Stille. Flüsternd: „Meiner Karriere im Wege zu stehen.“
Er hechtete zur Wand, griff den dort hängenden Degen und stach damit in die Luft. „MEINER KARRIERE“ Er geriet in Ekstase. Eins geworden mit seiner Phantasie, wähnte er sich in einem Kampf um Leben und Tot, gab dem leeren Zimmer mehrere Stöße, bis er seinen Gegner im Tode sah. Der Degen steckte im Bücherregal fest, gleich neben der Nibelungensage. „Das hast du nun davon, Siegfried!“ André zog den Degen wieder heraus. Die illustrierte Ausgabe fiel zu Boden, öffnet sich und gab ein Bild zum Vorschein.
>Grimhild rächt den Mord an Siegfried< stand als Bildbeschreibung darunter. Man sah den Toten Hagen mit einem Schwert im Körper. Er war irritiert.
André- zum Pianisten geboren, mit vier Jahren schon Klavierunterricht bei der eigenen Mutter. Und sowieso- Sohn des Bürgermeisters, ein Titel quasi, der ihm vor Anderen Respekt einbrachte, ja sogar geradezu erzwang. Will man es sich doch nicht mit den örtlichen Behörde verscherzen, die ja (vor allem wenn Jemand etwas von ihr will) bekanntlich nicht die aller Schnellste ist. „Fragt sich doch“- er öffnete die Tür seines Aufenthaltszimmer;
„Wer mein Gegner ist!“; warf sie hinter sich zu und eilte die Treppe herunter. Es war Montag, die Sonne schien bereits und heizte die Stadt auf.

Bernie presste den Brief an seinen Bauch. Leicht nach vorn gebeugt lief er damit über den vom Regen matschig gewordenen Weg des Stadtparks. Die paar Strahlen Licht, welche die sommerliche Abenddämmerung der Stadt noch gewährte, verschlangen die mächtigen Baumkronen der Eichen, die nur noch große Schatten hergaben.
„Verdammte Bäume!“, stieß Bernie wütend aus. Geld für ein Taxi wuchs an ihnen leider nicht.
Er rannte die letzten Meter bis zum Treppenaufgang. Pitschnass- und das Licht im alten Hausflur funktionierte immer noch nicht

Bilder berühmter Balletttänzerinnen hingen an der Wand. Ein Bild von ihr in jungen Jahren, lächelnd, und um sie gereiht standen mehrere Herren in schwarzen Anzügen. Ihr weißes Tanzkleid leuchtete in mitten dieser männlichen, schwarzen Tristesse.
Exotischer Kitsch war wohl der beste Ausdruck ihrer Ansammlung unnützer Gegenstände.
Eine Sammlung von Federhüten. Ein goldener Vogelkäfig quasi zum Museumsstück degradiert. Das Mobiliar bestand aus Sitzgelegenheiten in grellen Farben und altmodischen viktorianischen Couches, die, verstaubt, den Gang zum Schlafzimmer der Mutter versperrten Ein Himmelbett, dessen Decke mit Szenen aus dem Schwanensee gestaltet war. Die traurige Figur des Ludwig, der sich in seiner Verzweiflung den kalten Tiefen des Sees hingab, passte erschreckend gut zum Anblick seiner Mutter.
Man merkte ihr die schleichende Krankheit an ihrem Gemütszustand schnell an. Ihre früher so heitere, ungezwungene Art, die Bernie als Kind an ihr so liebte, war fast vollständig dem Krebs zum Opfer gefallen, der sie in seine Scheren nahm. Sie blitzte ab und zu wieder auf, als Funken ihres noch nicht ganz erloschenen Feuers der Leidenschaft und Fröhlichkeit.
Bernie hoffte, dass sie gerade eine ihrer guten Phasen hatte.
„Wie geht es dir heute, Mama?“ Ihre müden Augen warfen einen kurzen Blick auf Bernie und starrten dann wieder an das Deckengemälde. Bernie runzelte ein wenig die Stirn und trat näher an sie heran.
„Ich habe dir etwas mitgebracht- warte“ Er zog eine weiße Schachtel aus seiner Manteltasche und legte sie ihr auf das Bett. „Wiener Konfekt- ich dachte du freust dich darüber“ Eine längere Pause „Mona hat sie mir für dich mitgegeben.“ Bernie öffnete die Pralinenschachtel und zeigte ihr den Inhalt.
Tanjas blasse Hände kamen langsam unter der Bettdecke hervor und umklammerten wie die Krallen einer Elster den Schatz: die Schachtel.
„Danke“ sagte sie in einem kaum vernehmbaren Ton. Bernie atmete erleichtert auf. Das erste Schweigen war wieder mal gebrochen.
Langsam führte sie die Pralinen zu ihrem Mund und kaute ziemlich lange auf der Schokolade herum, da ihr das Atmen beim Schlucken schwer fiel. Sie keuchte jedes Mal mit pfeifendem Atem, wenn sie es wieder geschafft hatte, und rang nach mehr Luft für ihre gewucherten Bronchien. Ihre Arme hoben dabei ihren schlaffen Oberkörper, um der Lunge Platz zu schaffen, sich auszubreiten, ohne das sie den Klumpen gekauter Schokolade den Weg zur Magenhöhle versperrte.
Die Prozedur dauerte einige Minuten und Bernie stand geduldig daneben, zufrieden immerhin, dass der mütterliche Heißhunger auf Pralinen nicht ganz abgestorben war.
Ihre Lieblingsspeisen hatte sie früher beinah wie eines dieser Ungeheuer aus den Sagen verschlungen, so als ob sie den wahren Geschmack erst genießen konnte, wenn soviel wie möglich auf einmal im Mund war.
Früher hatte er oft darüber gelacht, wenn Tanja sich in ihrer Hast wieder mal verschluckte und Brotkrümel auf den Boden spie. Es war auch nicht verwunderlich gewesen. Ihre früher häufigen Ortswechsel, den zahlreichen Auftritten als Tänzerin geschuldet, verlangten ja geradezu eine Lebensweise, die das hektische herunter Schlingen von Nahrungsmitteln begünstigte. Dazu eine Zigarette, die in der selben Geschwindigkeit geraucht wurde, sowie mindestens zwei, drei Tassen Kaffe. Von Überaktivität gejagt, führte sie ein Leben nach der sprichwörtlichen letzten Minute.
Und doch strahlte sie dabei immer eine gewisse Gelassenheit aus. Eine zufriedene Ruhe in einem rasenden Lebenstempo, einem Skifahrer auf der Abfahrt gar nicht so unähnlich, höchste Konzentration und Wohlsein im wohl schwierigsten und gefährlichsten Moment. Das ihre Abfahrt mit 50 schon im Todesbett enden sollte, wusste weder sie noch einer ihrer damals zahlreichen Bekannten

Die leere Schachtel purzelte zu Boden.
„Hat es dir geschmeckt?“. Sie legte ihre Hände auf den Bauch und streichelte ihn.
„Ja, sehr gut.“ Tanjas Stimme bekam bei diesen Worten fast ihre gewohnte zierliche Stärke und Klarheit wieder.
„Monas Auswahl ist wie immer exquisit.“ Sie deutete einen Luftkuss an.
„Wie wahr. Ich soll dich im Übrigen sehr nett von ihr grüßen. Sie meinte noch, dass sie das nächste Mal mir wieder eine Schachtel mitgeben wird. Um dir den Tag zu versüßen“
Tanjas Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig.
„Beim nächsten mal!“ Ihre Augen wurden wässrig, dicke Tränen kullerten über ihr Gesicht. Sie vergrub es im Kissen und schluchzte heftig, wieder versinkend in der Sinnflut der Traurigkeit.
Bernie kam mit diesen Situationen überhaupt nicht klar Sein innerstes Verhältnis zu seiner Mutter wurde dabei auf eine so unnatürliche Weise umgekehrt, dass es ihm schwer fiel, sie zu trösten, mit ihr zu weinen als Beschützer in ihrer hoffnungslosesten Zeit. Lieber würde er jetzt von ihr umarmt und beschützt werden, vor den überstarken Mitschülern, die ihn immer mit Hänseleien gepeinigt hatten. Sie lauerten ihm nach der Schule auf und forderten von ihm Dinge zu tun, die er unmöglich erfüllen konnte- oder wollte. Wenn er nicht gehorchte, wenn er dem Wort der rohen Gewalt den Vortritt gewährte, tobte der Mob. Bernie hasste die Disziplin des –Um die Ecke Rennens- und wahr doch froh, wenn das Geschrei der Mutter die geistigen Hunde vertrieb. Tanja heizte ihnen jedes Mal ein und machte einige Male einen dermaßen großen Terror, seine so genannten Kameraden trauten sich nie mehr danach, ihn auch nur schief anzugucken. Die blauen Flecke der elterlichen Bestrafung glichen den Spaß am Massakrieren des körperlich Schwächeren nicht aus.
Doch jetzt sollten sie ihre Rollen tauschen. Bernie blieb wie versteinert neben ihrem Bett stehen.

Tanja beruhigte sich wieder. Sie wischte mit einem Stofftaschentuch die Tränen weg und guckte bekümmert zu Bernie, der sich in ihren depressiven Minuten keinen Zentimeter bewegt hatte.
Sie streckte die Hand nach Bernie aus und zog ihn an sich heran. Szenen einer ergreifenden Mutter-Sohn Liebe folgten. Die beiden tauschten in fester Umarmung tiefe Gefühle des gegenseitigen Vertrauens aus, bis auch Bernie zu Weinen begann. Er riss sich los und zog den nassen Brief aus seiner Tasche.

„Ich habe eine Mitteilung vom Orchester bekommen, Mama. Von Julius Leitz. Weißt du noch?“
„Stimmt, ja. Du hattest bei den Klaviervorspielen teilgenommen. Und sie haben dir eine Antwort gegeben?“ Bernie hielt den Brief hoch und las ihn Tanja laut vor.
… Ihr sehr geehrter Intendant,
Julius Leitz
Sie klatschte sanft die Hände für Bernie. „Nein, Schatz, was denkst du, mit was du deiner sterbenden Mutter mehr eine Freude machen könntest? Wohl dem, der sein Ziel erreichen will- der kann es auch schaffen. Ach Bernie“ Sie küsste ihn.
„Ich habe es doch noch gar nicht geschafft. In fünf Tagen ist doch erst das Vorspiel. Weiß ich, gegen wen ich antrete. “ Er verzog seine Miene
„Noch gar nicht geschafft“ äffte sie ihn in einem spöttischen Tonfall nach.
„Denkst du denn, ich habe mich all die Jahre mit dir an das Klavier gesetzt, wenn ich nicht wusste, dass aus dir mal etwas wird?“

Sie richtete sich weiter auf in ihrem Bett und war in Augenhöhe mit Bernie. „Du musst aufhören, dir etwas einzureden. Sei endlich so wie ich es dir beibringen wollte: Sei stark und wehre dich gegen die Neider und Hasser. Nein Bernie.“ Ihre kleinen Augäpfel leuchteten „Stark sein- Du Hast Talent!“ Ihre Blicke fixierten Bernie mit stolzem Zorn.
„Mutter?“ fragte sie Bernie nervös
Stöhnend ließ Tanja sich zurück in ihr Bett fallen und drehte sich zur rechten Seite.
Ihr lebhaftes Feuer war wieder verloschen.
„Mama, was ist?“ Tanja hob eine Hand, als wollte sie ihn blocken. „Schlafen“ knurrte sie und war dann nicht mehr ansprechbar.

Bernie verließ die Wohnung wie er gekommen war. Stürmisch, voll von unbestimmten Gefühlen und Gedanken
18.8.06 16:02


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Freiheitsdrang

Die Freiheit lässt sich nicht erzwingen!
Sie kommt aus einem selbst heraus
im Sturme geistiger Ergüsse.

Kannst du davon ein Liedchen singen?
Bist du bereits der Zeit voraus,
die dir sagt, wie man leben müsse;

Im Hause größtmöglicher Ordnung,
geplant ist deine Rolle schon
Im Possenspiel der Arbeitssklaven.

Das ´Frei sein´ ist der Schluss der Handlung,
vom Drehbuch, dem du sagst kein Ton,
im Film der Gleichen, immer Braven.

Der Ausbruch, nun, die Abrissbirne
Des ewig engenden Konstrukt,
dass Freiheit will in Dunst verhüllen,

Schafft dir ein leeren Platz im Hirne;
Inspiration im Körper zuckt,
die anfängt diesen Raum zu füllen.

Sie füllt die Kammer bis zum Platzen
Mit Schätzen deines Intellekts,
der Geistes Schönheit sucht zu fassen.

Mit Krall`n der Schärfe von Raubkatzen,
die, ganz in Mordlust des Affekts,
sie auf ihr Opfer runterlassen.

Von Jahren Träumeloser Nächte,
die sich erstrecken hinter dir,
als Straße sinnloser Ideen,

wirst dich entbinden! Dieser Mächte
sagst: „Guten Tag, Verstand ist hier“.
Blühst auf im Glanz der Orchideen.
19.8.06 01:29


Endlich 18!

Da wundert man sich aber- verdammt. Wo sind diese 10 Jahre geblieben. Immerhin habe ich mit acht mein zweites Fahrrad bekommen, und jetzt ist es erst das dritte. Zweite Klasse, ja, da war auch die Welt noch in Ordnung- sie bestand aus nach Pisse riechenden Spielplätzen zwischen neosozialistischer Architektur und Büschen und Sträuchern am Zaun des Kindergartens- nach der Schule(Ina geht mit ihrer Oma Einkaufen) und dem Mittagsschlaf, Spiele im Hort mit der netten Dame und die verlorene Wette, weil ich der festen Überzeugung war, Babys entstehen einfach so(fuck- fünf Mark hat dieser Klugscheißer mir abgezogen)- spielten wir dort immer, schlugen uns wie Urwaldforscher durch das Dikicht und bauten uns unsere eigene kleine Welt auf, abseits diseser blinden Erwachsenen. Die waren auch viel zu fett und kriechen haben die auch verlernt. Vor zehn Jahren. Und wie war das noch gleich- "Nazis kommen hierher? Wat is denn das?" Und eines Nachmittags haben wir uns im Schutz von altem DDR-Platte Speermüll vor den Nazis verschanzt. Hatten alle voll schiss, saßen da so mit Topf aufem Kopf und Latte in den Händen. Und sie kamen einfach nicht, diese Nazis. Am nächsten Morgen dann Entwarnung: Meine beste Freundinn erzählte mir: "Ach, diese Nazis sind gar nicht so schlimm, wie sie alle sagen." Da war die Welt wieder in Ordnug. Als ich dann im nächsten Jahr nach Preußen gezogen bin, brach zwar das jüngste Gericht aus, aber ein paar Jahre später. Klingel. Lautsprecher: "Hallo- ist den Nancy da?" Dann stand meine alte beste Freundinn so vor mir, mit einem komischen Blick und nem lustigen Tatoo. Sie streichelte ihren Hund und erklärte mir, warum alles bergab geht. Ich war zehn.

Endlich 18!
24.8.06 21:54


Anne

Geschrieben anlässlich der Anne Frank Austellung in Luckenwalde im September.


Anne

Ein Mädchen schaut in einen Spiegel
und sieht dort nicht ihr eigenes Gesicht.
Es ist ihr Bild im Alter, kunter
bunte Jahre liegen
hinter ihr in hellem Licht,
der Spiegel, der zerbricht
und 60 Schreben fall`n herunter,
60 Geschichten werden nie erzählt.
Ihr Leben schwärzt ein braunes Siegel,
die Zukunft wird zum Tode hin gequält.

Anne geht in die Schule
und trifft ihre Freunde,
hat Ängste und Träume
und hegt junge Gefühle.

Das Mädchen schaut aus einem Fenster,
ihr Blick schweift über eine leere Stadt,
die Menschen schleichen wie Gespenster,
die Augen blicken matt,
düst`res Licht erhellt den Weg,
die Stadt friert, wie die Nacht,
sie ist so hässlich wie das Zimmer,
wo sie die letzten Jahre hat verbracht,
es hilft kein Jammern und Gewimmer,
die Hoffnung stirbt genau am letzten Tag.

Anne mag süße Sachen,
liest Bücher, hört Musik,
wie viele hasst sie Krieg,
mit Freude tut sie Lachen.

Das Mädchen schaut zu einer Türe,
der Stift lässt nicht locker, er schreibt und schreibt,
um festzuhalten, was nicht sein darf.
Ein Terror voll Willkür,
der die Menschheit zurückwarf,
wie böse Geschwüre.
Und plötzlich trifft auch sie die Hitze.
Ein Sturm, der sie aus ihrem Zimmer treibt,
mit Regen, Donner, Doppelblitzen,
gefang`n in Tatzen brauner Katzen.

Kitty sieht in die Zukunft,
mit Zweifel und Hoffnung,
mit Trauer und Mahnung,
als Stimme letzter Vernunft.
29.8.06 17:29


Mono- Di- oder Polysacharide?

Tom stand am Ende einer ziemlich langen Straße- und vernahm den Geruch von süßen Backwaren. Dieser kam gekrochen aus irgendwelchen Winkeln von nahen Gemäuern, aus Ritzen zwischen Ziegelsteinen und Mörtel. Der Geruch strömte durch Toms Nasenlöchern und machte sich in seinem Bewusstsein breit. Ein starkes Verlangen überwältigte Tom, nach einem großen Stück Kuchen, mir Erdbeeren oder Himbeeren und Apfelstückchen- und dazu noch eine große Tasse mit starkem Kaffee.
Er versuchte diesem Drang zu widerstehen und dachte mit großer Anstrenung an salzige Fische mit Sahnesoße, Steak, Schnitzel, nur kein- "Zucker!" Er stieß dieses Wort so plötzlich aus, stand auf dem belebten Bürgersteig und war dabei, einen Vorsatz zu brechen. Toms Einwilligung in seine selbstgewählte Askese war Anfangs ja auch nur ein Spaß- der Eintritt in den Kreis experimenteller Zuckerabstinenzler so eine Art Selbstbeherrschung des Willens. Doch mehr und mehr machte er Ernst, verbannte den weißen Stoff aus seinem Leben wie andere Zigaretten und Bier und fühlte sich doch nicht recht glücklich dabei. Seine Nase schien das zu bemerken und übernahm jetzt die Führung- sie zog den langen Körper hinterher, der hypnotisch an ihrem Rücken festklebte, vorbei an ahnungslosen Passenten, die keinen Schimmer von seiner unheilvollen Situation hatten. Auch die Augen hatten etwas zu sagen und blieben alle paar Meter an kleinen Kindern, die genüsslich ein Eis schleckten, hängen. Mehr am Eis denn den Kindern, und es schien so, als würde seine ganze Mitwelt gerade nichts anderes machen, als sich Zucker reinzustopfen. Überall zufriedene dicke Menschen, schlanke Menschen, mit oder ohne Haaren und alle aßen sie Süßes, halfen bei der Dezimierung der Gummibärchen Population mit, lutschten einen Schokoladenriegel. Tom zitterte am ganzen Körper, die Nasenlöcher, sie waren so groß wie Teller und er glaubte, ein Strom gläubiger Pilger zog an ihm vorbei, die ständig im Gebet ihre Glaubenssätze runterrasselten. Zucker. Zucker. Und immer wieder, in seinem Kopf tanzten halb nackte Männer und Frauen um einen großen Altar, opferten allerlei Süßes, ein Berg voll Teller mit Obst, Speiseeis, Gebäck, Sodagetränke und die Spitze des Festmahls bildete ein zwei Meter hoher Zuckerhut. Sie tanzten und wie vom spirituellen Feuer gepackt streuten sie Zucker aus ihren bunten Zuckerdosen, und wie weiße Flocken verteilte sich das Zeug um den Speiseberg und erschuf eine leuchtend weiße Schneekristall Landschaft.
"Amen"
"Dir auch Bruder" Ein dicker Mann lächelte ihn zweideutig an. Tom blickte erschrocken auf, rümpfte seine Nase.
"Was darfs sein" sagte der Dicke in einem etwas unsanfteren Tonfall und beugte sich dabei leicht über eine hell erleuchtete Glastheke. Toms Augen fuhren ähnlich einem Druckerkopf die Reihen mit Kuchen, Spritzringen und Pfannkuchen ab, scannten den gesamten Bestand und sein Mund druckte dann die Bestellung aus und sagte nur: "Kaffee" und er sotterte noch ein zaghaftes "weiß, bitte" hervor.
Zwei Minuten später saß er an einem runden Tisch, mit einer kleinen Blumentischdecke, mühte sich mit dem Verschluss der Milchpackung ab- sie platzte auf und zum Glück konnte er noch die Hälfte retten, der andere Teil verteilte sich zufrieden auf seiner Hose. Daneben lag noch eine kleine Packung Zucker. Er sah nicht recht. Hatte er das womöglich noch zur Bestellung hinzugefügt? War es sowas wie ein Zeichen, eine Art Prüfung für ihn, um ihn womöglich endgültig von den mit schädlichen Schwächen Behafteten zu unterscheiden? Neben ihn setzten sich immer mehr Leute, Speichel sammelte sich in seinem Mund an, ergraute Damen, die über alte Zeiten redeten und sich übergroße Stücke Sahnetorte in den Rachen schoben. "Hilfe", dachte er, "soviel kann doch ein Einzelner nicht auf einmal verputzen". Am Nachbartisch ließ nun jemand ein Stück Würfelzuck in den Kaffee plumpsen.
Tom schloss seine Lieder.
Als er sie wieder öffnete, hatten sich seine Augen wie automatisch auf die Glastheke ausgerichtet. Er seuftzte. Aus der Hosentasche zog er einen Zwanziger.
30.8.06 21:39





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